Sechs Kandidaten waren es am Samstag, bis Montagnachmittag hat sich ihre Zahl fast schon verdoppelt. Und schon jetzt droht der Kampf um die Nachfolge des britischen Premiers zu einer Schlammschlacht zu werden. Kaum hatte Boris Johnson am Donnerstag seinen Rückzug angekündigt, brachen die Gräben auf.

Wie zerrissen die konservative Tory-Partei ist, ist etwa an der Person von Ex-Finanzminister Rishi Sunak zu sehen, der zuletzt unter den Kandidaten Favorit der Buchmacher war. Die einen loben den 42-Jährigen für seine Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in den Himmel. Die anderen schmähen den Politiker, der der erste Premier mit asiatischen Wurzeln wäre, als Sozialisten. Obwohl er sich lange dagegen gewehrt hatte, erließ Sunak im Kampf gegen explodierende Kosten eine zusätzliche Steuer auf Gewinne von Energiekonzernen.

Doch ginge es nach der konservativen Basis, hätte nicht nur Sunak Aussichten auf die Johnson-Nachfolge. Gute Chancen hätten außerdem Handelsministerin Penny Mordaunt und Außenministerin Liz Truss. Weitere Kandidaten sind unter anderem Generalstaatsanwältin Suella Braverman, der ehemalige Gesundheitsminister Jeremy Hunt, der Ex-Gesundheits- und Finanzminister Sajid Javid sowie Verkehrsminister Grant Shapps.

Rund ein Dutzend Politikerinnen und Politiker bewerben sich um das Amt der oder des Vorsitzenden der Konservativen Partei. Wer daraus als Sieger hervorgeht, steht dann automatisch an der Spitze der Regierung, da die Tories die größte Fraktion im Unterhaus bilden.

Rufe nach Neuwahl

Die Ex-Minister Sunak und Javid sind die prominentesten der mehr als 50 Regierungsmitglieder, die in der Vorwoche ihre Ämter aus Protest gegen Johnson niederlegten, weil dieser trotz etlicher Skandale und massiven Drucks aus den eigenen Reihen lange nicht zurücktreten wollte. Er gab dann zwar den Parteivorsitz ab, will aber als Premierminister so lange im Amt bleiben, bis die Nachfolge geklärt ist - was Monate dauern kann. Das erbost nicht nur die oppositionelle Labour-Party, sondern auch zahlreiche konservative Abgeordnete.

Daher wollen die Tories den Prozess beschleunigen. Bis zur parlamentarischen Sommerpause am 21. Juli würden nur noch zwei Kandidaten im Rennen sein, kündigte Bob Blackman vom zuständigen 1922-Komitee der Tory-Fraktion an. Die Zahl der Bewerber müsse deshalb rasch verringert werden, sagte er am Montag dem Sender Sky News: "Das bedeutet, dass wir in den kommenden Tagen eine Reihe von Abstimmungen abhalten werden."

Die letzte Entscheidung treffen dann die Parteimitglieder per Briefwahl. Ziel ist, dass ein Ergebnis bis zum 5. September feststeht. Dann ist die erste Parlamentssitzung nach der Sommerpause geplant.

Doch auch wenn die Entscheidung gefallen ist, muss das nicht das Ende der Schlammschlacht bedeuten. Schon werden Rufe laut, dass die Siegerin oder der Sieger eine Neuwahl ausruft. Andernfalls hätten Gegner leichtes Spiel, dem neuen Bewohner von Downing Street Nummer 10 die Legitimität abzusprechen.

Das Problem: In Umfragen liegen die Tories deutlich hinter der Labour-Partei. Das spiegelt sich in einer Auswertung des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die "Times" wider: Hätte die Öffentlichkeit die Wahl, hießen die aussichtsreichsten Tory-Bewerber mit großem Vorsprung "keiner von ihnen" und "weiß ich nicht".

Überdies ist da noch Boris Johnson. Der Schatten des Noch-Premiers dürfte noch lange über seiner Partei schweben. Zumal Johnson wohl keinesfalls im Stillen abtreten wird. Schon bei seiner Rückzugsankündigung kreierte sich der 58-Jährige als Opfer. Die Partei habe die "exzentrische" Entscheidung getroffen, dass eine neue Führung nötig sei, trotz seiner Erfolge und des "überwältigenden Mandats".

Keine Empfehlung Johnsons

Johnson hat noch immer Unterstützer. Die Partei werde den Tag bereuen, an dem sie den Premier absägte, schimpfte der Abgeordnete Christopher Chope. Die Atmosphäre ist aufgeheizt. Kulturministerin Nadine Dorries, Johnson treu ergeben, befand, die Nachfolgesuche habe "die Höllenhunde entfesselt". Die neue Staatssekretärin für Bildung, Andrea Jenkyns, zeigte Regierungsgegnern den Mittelfinger. Anhänger verwiesen auf Johnsons Vorbild Winston Churchill, der 1951 nach einigen Jahren Pause noch einmal Premierminister wurde.

Johnson selbst will keine Empfehlung abgeben, wer ihm nachfolgen sollte. Er wolle niemandes Chancen schmälern, erklärte er am Montag.(dpa/reu)