Die Ukraine hat im Süden des Landes eine Gegenoffensive gestartet, um von Russland erobertes Gebiet wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Nach ukrainischen Angaben wurden Ziele mit Langstreckenraketen beschossen und im Ort Nowa Kachowka bei Cherson ein Munitionsdepot getroffen. 52 Russen seien getötet worden. Nach Angaben der von Russland in der Region installierten Verwaltung wurden mindestens sieben Menschen getötet, rund 60 Personen seien verletzt.

Das meldete die russische Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf den Verwaltungschef Wladimir Leontjew am Dienstag. Unabhängig überprüfen ließen sich die Angaben nicht. Leontjew sagte, es sei ein Lagerhaus getroffen worden, in dem sich Salpeter befunden habe. Das Nitrat kann sowohl als Dünger wie auch für die Herstellung von Sprengstoff eingesetzt werden. Bei dem Angriff seien Raketen des mobile US-Raketensystem Himars verwendet worden.

Dazu nahm die Ukraine konkret zunächst nicht Stellung. Die südliche ukrainische Militärkommandeur teilte mit, der Gegner habe 52 Soldaten, eine Haubitze, eine Mörsergranate sowie sieben gepanzerte und andere Fahrzeuge verloren. Ukrainische Regierungsvertreter haben angekündigt, für die Gegenoffensive bis zu eine Million Soldaten rekrutieren zu wollen. Vize-Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk hatte die Zivilbevölkerung in der Region Cherson bereits am Sonntag aufgefordert, das Gebiet zu verlassen.

Russische Truppen im Osten

Die russischen Streitkräfte haben ihre Angriffe auf den Osten des Landes konzentriert. Nach der Einnahme der Region Luhansk steht nun Donezk im Visier Russlands, bei einem Erfolg dort wäre der gesamte Donbass eingenommen. Der Gouverneur der Region Donezk, Pawlo Kyrylenko, sagte, es gebe einen beträchtlichen Aufmarsch russischer Truppen in der Region, vor allem im Gebiet von Bachmut und Siewersk sowie Slowjansk und Kramatorsk. An der gesamten Frontlinie hielt der Beschuss an. Russische Truppen versuchten nach wie vor den Durchbruch, aber würden zurückgedrängt werden, sagte Kyrylenko. Laut Agentur Tass haben russische Streitkräfte Siewersk bereits eingekesselt.

Auch die südukrainische Stadt Mykolaiw wurde am Dienstag wieder von russischen Truppen angegriffen. Dabei wurden nach Angaben des Gouverneurs der gleichnamigen Region mindestens zwölf Menschen verletzt. Geschosse von Mehrfachraketenwerfern seien in zwei medizinische Einrichtungen und in Wohngebäude eingeschlagen, teilte Gouverneur Witali Kim auf Telegram mit. Mykolaiw liegt westlich von Cherson und ist der letzte größere Ort vor der westukrainischen Hafenstadt Odessa. Die Ukraine fürchtet, dass Russland auch dort die Kontrolle übernehmen will. In dem Fall wäre die Ukraine komplett von der Küste des Schwarzen Meeres abgeschnitten.

Separatisten eröffnen Vertretung in Moskau

Die prorussischen Separatisten der selbsternannten Volksrepublik Donezk im Osten der Ukraine haben am Dienstag in Moskau ihre diplomatische Vertretung eröffnet. Die Repräsentanz wurde, begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot, in der Innenstadt von Moskau in der Nähe westlicher Vertretungen eingeweiht.

Die Chefin des "Außenministeriums" der Volksrepublik, Natalja Nikanorowa, sagte, die Lage vor Ort habe sich in den vergangenen Tagen "drastisch verschlechtert", so dass lediglich eine nüchterne Zeremonie zur Eröffnung der Vertretung vorgesehen sei. Was eine Eingliederung in den russischen Staat angehe, "haben wir es nicht eilig", sagte Nikanorowa. Hauptziel sei es, "die Republik zu befreien". Danach werde es eine Volksabstimmung geben, "und wir werden sehen, was der Wunsch des Volkes ist". Ranghohe russische Vertreter waren nicht anwesend.

In der Kleinstadt Tschassiw Jar im Osten der Ukraine ist die Zahl der Toten nach einem russischen Raketenangriff auf ein Wohnhaus auf 45 gestiegen. Neun Menschen seien seit dem Angriff am Samstag aus den Trümmern gerettet worden, teilte der Zivilschutz in der Region Donezk am Dienstag mitteilte. Kiew spricht von einem zivilen Wohngebäude. Die russische Armee behauptet hingegen, ein militärisch genutztes Gebäude attackiert zu haben. Unabhängig lassen sich die Angaben kaum überprüfen. (apa/reuters/dpa/afp)