Ihre Entscheidung habe sie am 25. Februar gefällt, einen Tag nach der Invasion der russischen Armee in die Ukraine. Ohne zu zögern. Ihr war klar: Sie muss Russland verlassen. Sofort. Nein, sie sei in Moskau nicht bedroht gewesen. Sie hatte ihren Job, ihr Einkommen. Es hätte so weiter laufen können. Sie habe nur einfach nicht ungewollt das System Wladimir Putins unterstützen wollen, den sinnlosen Krieg in der Ukraine, überhaupt alles in ihrer Heimat, indem sie weiter in Russland bleibt und brav ihre Steuern bezahlt, erklärt sie.

Schon am Abend des 23. Februar, am Vorabend des Angriffs, hat Lisa geahnt, dass irgendetwas nicht stimmte. "Der 23. Februar ist in Russland ein Feiertag, der Tag des Verteidigers des Vaterlandes, an dem wir seit Sowjetzeiten die Militärangehörigen ehren. Ich war bei meinen Eltern. Wir aßen zusammen, wir tranken. Meine Mutter stammt aus Luhansk, für sie ist dieser Tag sehr wichtig. Auf dem Rückweg zu meiner Wohnung sah ich in einer nahe gelegenen Militärbasis zwei Flugzeuge aufsteigen. Ich dachte mir: ‚Wohin fliegen sie? In der Nacht?‘ Heute wissen wir wohin."

"Ich gehe nicht zurück"

Lisa, Anfang 30, Brille, rundes Gesicht, buntes Blumenkleid, stammt aus Sibirien. Sie studierte zunächst in Moskau, später ging sie nach Italien und Polen für ein Robotik-Studium. Es folgte der Doktortitel in Dänemark. Zurück in Moskau fing sie an, für einen Londoner Händler für Luxuskleidung als Software-Ingenieurin zu arbeiten. Das tut sie bis heute. Nur: Sie tut das statt in Moskau aus Batumi, der zweitgrößten Stadt in Georgien, am Schwarzen Meer gelegen.

"Weshalb Georgien, Lisa?" Lisa mit fester Stimme, im fließenden Englisch: "Die Frage ist: Auf welcher Seite des Eisernen Vorhangs will man leben? In der freien Welt oder auf der anderen Seite? Ich habe mich entschieden: in der freien." Ist eine Rückkehr nach Russland denkbar? Lisa schüttelt den Kopf. "Nein, ich gehe nicht zurück. Für immer."

Lisa sitzt im Erdgeschoss des "ANVD", eines frisch eröffneten Co-Working-Space im Süden Batumis. Der Ort ist an diesem schwülwarmen Werktag Anfang Juli stark frequentiert. Auf beiden Stockwerken herrscht eine beinahe unheimliche Stille. Nur das hektische Tippen auf die Tastaturen ist zu hören. Alle arbeiten an ihren Laptops, hoch konzentriert. Mit maximaler Web-Geschwindigkeit - der superschnellen Glasfaserleitung sei Dank.

Im Frühling eröffnete Anna ihren Co-Working Space in Batumi. - © Ferry Batzoglou
Im Frühling eröffnete Anna ihren Co-Working Space in Batumi. - © Ferry Batzoglou

Das "ANVD" ist ein beliebter Arbeitsplatz von neu in die Stadt gekommenen digitalen Nomaden aus Russland. Benannt ist es nach Anna und Vlad, einem jungen Paar aus Weißrussland. Sie starteten ihr Geschäft im Frühling, nachdem sie es in ihrer Heimat nicht mehr ausgehalten hätten, wie Anna berichtet.

Die braun gebrannte Mitzwanzigerin mit Pferdeschwanz erzählt: "Wir haben es in der Nähe von Minsk als Jungunternehmer versucht. Ein Café, ein Laden. Die Steuern waren so hoch! Junge Leute haben in Weißrussland keine Perspektive. Sie haben keine Luft zum Atmen. So sind wir weg."

Einreisende willkommen

Wie viele Russen seit dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine nach Georgien gekommen sind, um sich da ein neues Leben aufzubauen, kann keiner genau sagen. Sei es die Hauptstadt Tiflis mit ihren zahlreichen Sehenswürdigkeiten, sei es der zentralgeorgische Ort Gori, wo 1878 Josef Wissarionowitsch Stalin zur Welt kam und sich ein Museum samt Denkmal befindet, das dem Diktator bis heute huldigt, oder sei es das pulsierende Batumi ganz im Südwesten des Landes mit seinen 170.000 Einwohnern und meist erst vor kurzem gebauten oder noch fertigzustellenden Wolkenkratzern, das mit seiner atemberaubenden Skyline und den vielen Spielcasinos als ein Las Vegas des Ostens gilt - bereits vor der Zäsur am 24. Februar strömten jährlich Hunderttausende Urlauber aus Moskau, St. Petersburg und anderswo in die ehemalige Sowjetrepublik.

Überall in den Straßen von Batumi ist Russisch zu hören. Schätzungsweise 40.000 Russinnen und Russen, es könnten auch viel mehr sein, sollen seit dem 24. Februar in das Kaukasus-Land geflohen sein - aus politischen wie ökonomischen Gründen. Meist sind es junge Menschen, Städter aus dem europäischen Teil Russlands, gut ausgebildet, weltoffen, mit teils exzellenten Englischkenntnissen. Viele sind in der High-Tech-Branche tätig, können dies auch als digitale Nomaden tun. Ein Laptop reicht, egal wo.

Der Braindrain, die Flucht der klugen Köpfe, hat dermaßen bedrohliche Ausmaße angenommen, dass in Russland in der IT-Branche mittlerweile deutlich höhere Bezüge gezahlt werden, um die noch verbliebenen Arbeitskräfte halten zu können.

Dass ausgerechnet das so kleine wie arme Georgien mit seinen nur 3,7 Millionen Einwohnern für manche die erste Wahl ist, um ihrer Heimat den Rücken zu kehren, wenigstens solange der Krieg in der Ukraine währt, hat gute Gründe: Für Bürger fast aller Länder der Welt fordert Georgien kein Einreise-Visum. Das gilt auch für Russen, bis heute. Ferner kann man ein ganzes Jahr ohne jegliche Bedingungen bleiben. Nach zwölf Monaten reicht es, für einen Tag in ein anderes Land auszureisen, um dann wieder ein ganzes Jahr lang in Georgien bleiben zu können.

Gestiegene Mieten

Georgien hat außerdem seine moderne Seite. In Windeseile lässt sich ein Unternehmen gründen, in 15 Minuten ein Bankkonto einrichten, Debit- oder Kreditkarten inbegriffen. Alles ist digitalisiert. Im globalen "Ease of Doing Business Index" der Weltbank, der die unternehmerischen Möglichkeiten misst, landete Georgien im Jahr 2020 auf Rang sieben unter 190 Ländern. Bürokratieabbau im großen Stil, niedrige Steuern, geringe Kriminalität: Georgien will attraktiv für Geschäftstüchtige aus aller Welt sein.

Obendrein ist das Land auch für Russen, bei denen der Rubel nicht mehr so locker sitzt, noch vergleichsweise erschwinglich. Nur die Mieten haben sich mit der Masseneinwanderung im Eiltempo ab Februar deutlich erhöht. Kostete eine kleine Wohnung in den Großstädten in guter Lage zuvor noch umgerechnet höchstens 400 Euro pro Monat, ist es nun plötzlich das Doppelte oder mehr.

Hinzu kommt, dass fast alle Georgier fließend Russisch sprechen. Die Russen fühlen sich so in Georgien wie zuhause, zumal sie das Schwarze Meer und die Architektur vieler Sowjetbauten prompt an ihre Heimat erinnern. Nur eben fern von Putin und Co.

Blau und gelb überall

Dabei ist das bilaterale Verhältnis zwischen Tiflis und Moskau belastet. Im August 2008 besetzten Truppen der Russischen Föderation Südossetien im Norden Georgiens sowie Abchasien ganz im Nordwesten. Zuvor wollte Georgien der Nato beitreten - ohne Erfolg. Seither sind 20 Prozent des georgischen Territoriums okkupiert; russische Truppen stehen nur 40 Kilometer von Tiflis entfernt. Die Gebiete scheinen für Georgien für immer verloren.

In die EU will das Land im Kaukasus ohnehin schon lange. Doch das wird noch dauern. Kein Wunder, dass sich daher faktisch alle Georgier seit der Invasion Russlands im Donbass und anderswo selbstredend mit der Ukraine solidarisieren.

Das ist auch sichtbar. Im ganzen Land hängen demonstrativ ukrainische Flaggen von Balkonen, Wände sind in blau und gelb bemalt, Aufkleber mit dem Spruch "Slava Ukraini" prangen auf Windschutzscheiben von Autos, blau-gelbe Bänder schmücken das Kopfhaar, Sticker in den ukrainischen Nationalfarben machen klar, wie man sich positioniert.

Eine spontane Vermutung wäre da, die neuen Einwanderer aus Russland, dem Land der verhassten Besatzer, wären in Georgien unerwünscht. Doch die überwältigende Mehrheit der traditionell enorm gastfreundlichen Georgier heißt sie willkommen. "Das sind Leute wie du und ich. Sie können doch nichts dafür, was sich in der Politik abspielt. Und sie sind hier, weil sie gegen den Krieg in der Ukraine und Putin sind. Das sagen sie uns auch", meint ein Kellner in einem Restaurant in Batumis Altstadt. Gerade hat er am Nebentisch reichlich georgischen Wein serviert. Die Gruppe junger Leute ist ausgelassen, geradezu gelöst, sie lachen laut. Sie sind alle Russen. Sie feiern ihre Flucht vor Putin; ihren Exodus in den Kaukasus.