Fast fünf Monate sind seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine mittlerweile vergangen, und in dieser Zeit hat die europäische Öffentlichkeit eine emotionale Achterbahn der Gefühle durchlaufen. Auf den Schock über den Kriegsbeginn am 24. Februar folgte eine Welle der Solidarität mit den Ukrainern, oft gepaart mit der Erwartung, dass Kiew einen Kampf gegen die Militärmacht Russland nicht lange werde durchhalten können.

Als sich der russische Vormarsch angesichts des überraschend effektiven ukrainischen Widerstands dann als recht stümperhaftes Unterfangen entpuppte, keimten im Westen Hoffnungen auf eine russische Niederlage und einen Sturz von Langzeitherrscher Wladimir Putin auf. Auch ernst zu nehmende Analytiker sprachen von der möglichen Rückeroberung von Krim und Donbass durch die Ukraine.

Mittlerweile ist diesbezüglich Ernüchterung eingekehrt. Die russische Armee erobert im Donbass Stadt um Stadt. Und hierzulande geht die Angst um: Wird im Winter noch genügend Gas da sein, um die Wohnung zu heizen? Und wenn ja, zu welchem Preis? Werden Betriebe zusperren müssen, wird die Inflation zweistellig werden, kommen Blackouts? Und das alles für die Ukraine? Ein Land, das mancherorts als korrupt und oligarchisch regiert verschrien ist, mit einem unklaren Verhältnis zum Rechtsextremismus? Die Versuchung, einzuknicken und den harten Kurs gegen den Kreml zu verlassen, wird in den kommenden Monaten in den westlichen Hauptstädten wohl steigen - zumal die hohen Rohstoffpreise Russland Rekordgewinne bescheren.

Stunde der Wahrheit im Herbst

Doch auch in Moskau selbst spielt die öffentliche Meinung eine Rolle. Trotz seiner alles beherrschenden Stellung im russischen Machtgefüge muss Putin nicht nur die Eliten unter Kontrolle halten, sondern auch auf die Stimmung im Volk Rücksicht nehmen. "Ernstzunehmende Proteste entzünden sich in Russland meist an sozialen Fragen", berichtet Osteuropa-Experte Alexander Dubowy der "Wiener Zeitung". Diese könnten dann ausbrechen, wenn in Russland die Folgen der westlichen Sanktionen in dramatischer Weise spürbar werden.

"Bis jetzt ist das noch nicht der Fall", konstatiert Dubowy, gibt aber zu bedenken, dass die Auswirkungen der Strafmaßnahmen "erst im Herbst deutlich zu Tage treten" würden. Regierungsnahe Kreise erwarten Probleme im Bereich Transport und Medizin. "Auch der angeblich krisenfeste Bereich Landwirtschaft könnte unter Druck kommen", sagt Dubowy. Der Kreml wäre dann gezwungen, unpopuläre Maßnahmen zu setzen. "Wenn sich der Lebensstandard der Bevölkerung deutlich und rapide verschlechtert, kann es zu Massenprotesten kommen. Auch die sprichwörtliche Leidensfähigkeit der russischen Bevölkerung hat Grenzen", analysiert Dubowy.

Bis jetzt ist von einem solchen Szenario allerdings noch nichts zu spüren - im Gegenteil: In einer Umfrage des auch im Westen angesehenen Lewada-Instituts äußerten sich 61 Prozent der Befragten wenig oder gar nicht besorgt über die Auswirkungen westlicher Sanktionen. Und auch sonst scheint die russische Bevölkerung den Kurs Putins auf breiter Front zu unterstützen: Laut einer Befragung vom 29. Juni zeigten sich 68 Prozent der Befragten überzeugt, dass sich Russland "in die richtige Richtung" entwickle, lediglich 22 Prozent waren gegenteiliger Ansicht - im Jänner sahen noch 39 Prozent der Menschen das Land auf dem "falschen Pfad". Putins Popularitätswerte stiegen auf 83 Prozent - das ist der höchste Wert seit 2018. Im Jänner, vor Beginn des Krieges, kam der Kreml-Chef nur auf 63 Prozent.

Hinter der Aussagekraft dieser Zahlen steht zwar ein Fragezeichen. Schließlich traut sich im derzeit besonders repressiven russischen System nicht jeder, seine Meinung in Umfragen offen kundzutun. Dennoch dürften die Zahlen, die auch eine breite Unterstützung für die "Spezialoperation" in der Ukraine zeigen, die "Jetzt-erst-recht-Stimmung" im Russland korrekt wiedergeben.

Es sind Zahlen, die, wären sie Russland-Experten vor Kriegsbeginn gezeigt worden, überrascht hätten. Die meisten westlichen Kenner der russischen Gesellschaft zeigten sich nämlich lange überzeugt, dass ein offener Krieg gegen die Ukraine schon deshalb unmöglich sei, weil es keinen "Krim-Effekt" geben würde: Schon der Donbass sei, anders als die Krim, eine Gegend, die bei Russen kaum positive Emotionen auslöse. Ein Angriff auf die gesamte Ukraine, so die meisten Politologen, würde in Russland eher einen Schock als einen Hauruck-Effekt bewirken.

Gänzlich falsch war diese Analyse nicht: "Die ersten Tage hatten wir in Sachen Kommunikation verloren. Die Stimmung im Volk war schlecht. Die Gesellschaft war komplett gespalten, 50 zu 50", berichtete ein hoher Staatsbeamter der russischen Journalistin Farida Rustamowa Ende März.

Tatsächlich wurde der Angriff zunächst alles andere als bejubelt: Menschen gingen auf die Straße, offene Briefe und Petitionen fanden zahlreiche Unterstützer, bekannte Künstler, Regisseure und Schriftsteller sprachen sich öffentlich gegen den Krieg aus. Selbst im Machtapparat zeigte man sich alles andere als begeistert: Die Bloggerin Rustamowa hatte kurz nach Kriegsbeginn mit Beamten aus dem Staatsapparat gesprochen, die ihr von einer "Schockstarre" in den Korridoren der Macht berichteten. Der Chef einer großen Bank sah durch den Krieg und die westlichen Sanktionen sein Lebenswerk vor die Hunde gehen, Duma-Abgeordnete überlegten, ihr Mandat niederzulegen. Ein hochrangiger Beamter erklärte kleinlaut: "Wenn Russland ein Imperium sein möchte, warum fördert es nicht die Entwicklung des eigenen Landes und wird auf diese Weise attraktiv für seine Nachbarn, statt deren Loyalität zu erzwingen?"

"Die armen Paralympioniken"

Ende März war von dieser Stimmung nur noch wenig zu spüren. Der beginnende Unmut wurde, noch ehe er zum Massenprotest werden konnte, durch brutale Repression erstickt. Gleichzeitig leisteten die russischen Medien ganze Arbeit: "Der Staatspropaganda ist es gelungen, im Ukraine-Konflikt eine Täter-Opfer-Umkehr herbeizuführen und Russland als Opfer darzustellen", erklärt Dubowy. Das funktionierte nicht zuletzt auch aufgrund der westlichen Maßnahmen: "Als ich gesehen habe, was sie mit den armen Paralympioniken machen, war für mich eine Linie überschritten", zitiert Rustamowa jenen Beamten, der sich kurz nach Kriegsbeginn noch kriegsskeptisch gab. Der Ausschluss der russischen und weißrussischen Behindertensportler von den Winter-Paralympics hat ihn kämpferisch gemacht: "Sollen sie sich ihr iPhone doch sonst wohin stecken, ich werde mir einfach ein chinesisches Smartphone besorgen", meinte der Beamte. Und: "Ich verstehe jetzt, dass Putin recht hat."

Glaubt man den Gesprächspartnern Rustamowas, dann haben die westlichen Sanktionen nicht den Effekt, den sich der Westen von ihnen versprochen hat - im Gegenteil: "Sie bringen selbst diejenigen gegen sich auf, die andere Ansichten hatten und Fragen stellten. Jetzt werden sie für längere Zeit keine Fragen mehr stellen, sie werden den Westen hassen und sich zusammenschließen", berichtete Rustamowa Ende März ein hochgestellter Bekannter "mit aufgeregter Stimme, wie ich sie noch nie bei ihm erlebt habe".

Für die Eliten selbst wirken die personenbezogenen Sanktionen, wie Rustamowa schrieb, "wie Zement". Alle, die über ein anderes Leben nachgedacht hätten, wüssten nun, dass sie sich mit den Verhältnissen in Russland arrangieren müssten. Vom Westen fühlt man sich persönlich angegriffen. "Es erscheint paradox, doch die Gesellschaft und die Eliten, die noch vor kurzem durch einen riesigen Graben voneinander getrennt waren, sind heute nahezu vereint. Zumindest haben sie das Gefühl, im selben Boot zu sitzen", schrieb Rustamowa in ihrem Blog.

Die Falken sind unzufrieden

Ob dieser Ausnahmezustand bis heute anhält, ist eine offene Frage. Die aktuellen Umfragezahlen zeigen, dass sich, was die Einstellung der russischen Bevölkerung zum Krieg betrifft, seit Ende März nicht allzu viel geändert hat - außer, dass das Interesse am Kriegsgeschehen generell nachlässt. Was die Lage innerhalb der Elite betrifft, berichtet Dubowy von einer Achterbahnfahrt der Gefühle innerhalb des Staatsapparats: "Auf Schockstarre und Euphorie folgte wieder eine pessimistisch-fatalistische Stimmung", sagt der Russland-Experte.

Er bezieht sich dabei auf vertrauliche Gespräche, die der russische Journalist Andrej Pertschew im Mai mit Behördenvertretern führte. "Es gibt eine weit verbreitete Unzufriedenheit", berichtet Dubowy - und zwar nicht nur bei den Anhängern einer diplomatischen Lösung, die über den Krieg und die westlichen Sanktionen unglücklich sind. Sondern auch bei der Fraktion der Falken, deren Sprachrohr Igor Girkin alias Strelkow die russische Kriegsführung Anfang Juli als zu zögerlich kritisierte und Putin öffentlich mit Napoleon verglich, als dieser, statt 1812 im Kreml zu handeln, dort "hoffnungslos und trübselig auf Unterhändler aus St. Petersburg wartete". Der ehemalige Separatistenchef im Donbass fordert eine Mobilmachung und eine Umstellung auf eine Kriegswirtschaft.

Noch sind diese Risse innerhalb der russischen Elite für Putin ungefährlich. Der Zement ist stark genug. Zudem kann die russische Führung den Kriegsverlauf in den letzten Wochen als Erfolg verkaufen. Die Stunde der Wahrheit dürfte im Herbst schlagen. Allerdings nicht nur in Russland, sondern auch hierzulande.