Kiew (Kyjiw)/Moskau/Donezk. Die ukrainischen Streitkräfte haben in der Region Slowjansk im östlichen Gebiet Donezk nach eigenen Angaben erfolgreich Angriffe von russischer Seite abgewehrt. Es habe massiven Artilleriebeschuss auf militärische und auf zivile Infrastruktur in verschiedenen Ortschaften mit zivilen Todesopfern gegeben, teilte der Generalstab am Sonntag in Kiew mit. Russische Separatisten beklagten ihrerseits zwei tote Zivilisten durch ukrainischen Beschuss.

Demnach wurde die Stadt Altschewsk in der Nähe von Slowjansk von ukrainischer Seite unter Feuer genommen. Zwei Zivilisten seien getötet worden, teilte die selbst ernannte und international nicht anerkannte Volksrepublik Luhansk mit. Ein Busdepot, eine Gesundheitseinrichtungen und Wohnungen seien beschädigt worden. Eine Stellungnahme der Ukraine gab es zunächst nicht. Sie gibt an, nur auf militärische Infrastruktur zu zielen. Unabhängig überprüfen lassen sich solche Informationen nicht.

Seitens der Ukraine hieß es zur Lage in Donezk, die russischen Streitkräfte hätten viele Verluste zu verzeichnen gehabt und seien nach Gegenwehr der ukrainischen Seite wieder abgezogen, hieß es. Auch in Richtung der Orte Siwersk und Bachmut im Gebiet Donezk habe das russische Militär erneut massiv mit Artillerie gefeuert. Dutzende Ortschaften seien von den Angriffen betroffen gewesen.

"Angesichts der großen Verluste in den eigenen Reihen ist die Mehrheit der Einheiten der Bestatzungsstreitkräfte in einem sehr schlechten moralisch-psychologischen Zustand und sucht nach einer Möglichkeit, der Teilnahme an den weiteren Kampfhandlungen zu entgehen", hieß es im Bericht des ukrainischen Generalstabs. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Das russische Militär zerstörte nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau ein Munitionsdepot in der südukrainischen Stadt Odessa. Dort seien Harpoon-Raketen gelagert gewesen, die die NATO der Ukraine zur Verfügung gestellt habe. Das Arsenal sei mit Raketen beschossen worden. Außerdem habe die russische Luftwaffe in der Nähe von Slowjansk einen Hubschrauber vom Typ MI-17 und in der Region Charkiw ein Flugzeug vom Typ SU-25 abgeschossen.

Zuvor hatte es seitens der Nachrichtenagentur Ukrinform geheißen, beim russischen Beschuss der Region Donezk seien in den vergangenen Tagen drei Zivilisten getötet und 12 verletzt worden. Eine entsprechende Erklärung wurde vom Leiter der Militärverwaltung der Region Donezk, Pavlo Kyrylenko, auf Telegram abgegeben.

623 Zivilisten getötet

"Am 16. Juli 2022 töteten die Russen drei Zivilisten in der Region Donezk: zwei in Udatschne und einen in Pokrowsk. Zwölf weitere Menschen wurden verletzt", schrieb Kyrylenko demnach. Insgesamt wurden in der Region Donezk seit Beginn der russischen Invasion 623 Zivilisten getötet und 1.598 verletzt. Die genaue Zahl der Opfer in Mariupol und Wolnowacha lässt sich laut der ukrainischen Agentur derzeit noch nicht beziffern.

Insgesamt seien seit Kriegsbeginn am 24. Februar fast 38.300 russische Angreifer ausgeschaltet worden, davon allein 160 am vergangenen Tag. Dies geht aus dem Generalstab der ukrainischen Streitkräfte hervor, berichtete Ukrinform. Der Stab teilte zudem mit, dass in der gesamten Ukraine infolge der bewaffneten Aggression Russlands bereits mehr als 1.015 Kinder ums Leben gekommen sein. Die Dunkelziffer dürfte sogar noch höher liegen.

Das russische Verteidigungsministerium hatte zuletzt eine Ausweitung der Angriffe im Osten der Ukraine angekündigt. Nach der Einnahme der Region Luhansk will Russland als nächstes das Gebiet Donezk komplett ukrainischer Kontrolle entreißen. Der Chef der ukrainischen Militäradministration für das Gebiet Luhansk, Serhij Hajdaj, teilte am Sonntag mit, dass noch zwei Dörfer dort unter Kontrolle Kiews seien. Er widersprach damit erneut Berichten aus Moskau, dass Russland das Gebiet Luhansk komplett eingenommen habe.

Russland schickt Verstärkung nach Süden

Das russische Militär verstärkte nach britischen Angaben seine Verteidigungsstellungen in den besetzten Gebieten im Süden der Ukraine. Truppen und Ausrüstung würden zwischen Mariupol und Saporischschja sowie in der Region Cherson aufgestockt, teilt das Außenministerium in London auf Twitter mit und zitiert aus den jüngsten Berichten des militärischen Geheimdienstes. Auch in Melitopol würden die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt.

Ukraines Parlamentspräsident Ruslan Stefantschuk sagte zum achten Jahrestag des Abschusses von Flug MH17 der Malaysia Airlines, dass alle Kriegsverbrechen, die von der Russischen Föderation in der Ukraine begangen wurden, gründlich untersucht werden müssten. Nach Angaben von Ukrinform postete Stefantschuk auf Facebook folgende Nachricht: "Vor acht Jahren schossen die Russen Flug MH17 am Himmel über dem Donbas ab. Schon damals sah die Welt das wahre Gesicht Russlands und verstand, dass ein Menschenleben für die Russische Föderation nichts wert ist."

Die Maschine der Malaysia Airlines war am 17. Juli 2014 über umkämpftem Gebiet der Ostukraine von einer Buk-Luftabwehrrakete abgeschossen worden. Alle 298 Menschen an Bord wurden getötet, die meisten kamen aus den Niederlanden. Auch 27 Australier starben. Nach internationalen Untersuchungen kam die Buk-Rakete aus Russland. (apa)