Edi Rama war um ein Lächeln bemüht. Noch vor wenigen Wochen machte der albanische Ministerpräsident aus seinem Ärger keinen Hehl. Er sprach von "Schande", einem "schurkenhaften Geist" und "Geiselhaft", in die ein EU-Mitglied andere Länder nehme. Grund für den Unmut: Bulgarien blockierte die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit Nordmazedonien, und das traf auch Albanien, das ebenfalls auf den Start der Gespräche wartete.

Doch als Rama am Dienstag bei einem Presseauftritt in Brüssel zwischen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und seinem nordmazedonischen Amtskollegen Dimitar Kovacevski stand, lächelte er und bedankte sich für die Unterstützung mancher EU-Politiker. Denn für die "absurde Situation", wie er es bezeichnete, wurde eine Lösung gefunden. Die beiden EU-Anwärter konnten die Beitrittsverhandlungen aufnehmen - nach 17 beziehungsweise acht Jahren Wartezeit. So lange sind Nordmazedonien und Albanien bereits Kandidatenländer.

Hoher Preis für Skopje

Für den aktuellen Schritt Richtung EU musste vor allem Nordmazedonien einen hohen gesellschaftlichen und politischen Preis zahlen. Kaum war der Namensstreit mit Griechenland ausgeräumt, kaum hatte dessen Nachbar seine Verfassung und seinen Namen geändert, schaltete Bulgarien auf Widerstand. Das junge EU-Mitglied meldete Ansprüche zur Geschichtsschreibung und Nationalitätenbetrachtung an. Beispielsweise sei Mazedonisch gar keine eigene Sprache, sondern ein bulgarischer Dialekt.

Doch dann stimmte zunächst das Parlament in Sofia und vor wenigen Tagen auch jenes in Skopje einem Kompromissvorschlag zu, den Frankreich vorgelegt hatte. So sollen die Rechte der bulgarischen Minderheit, die wenige tausend Menschen umfasst, in der Verfassung Nordmazedoniens festgelegt werden. Für die Änderung braucht es allerdings eine Zweidrittelmehrheit im Abgeordnetenhaus, die sich nicht abzeichnet. Die nationalkonservative Opposition ist dagegen und weiß auch einen Teil der Bevölkerung hinter sich.

Doch auch Experten weisen darauf hin, dass der Kompromiss ein späteres Veto aus Sofia nicht unmöglich macht. Wenn die Regierung in Skopje die Verfassungsänderung nicht durchsetzt, "kann Bulgarien sagen, Nordmazedonien habe seinen Teil des Deals nicht eingehalten und damit die Verantwortung von sich schieben", sagt Florian Bieber der "Wiener Zeitung". Der Leiter des Zentrums für Südosteuropastudien an der Universität Graz weist darauf hin, dass Bulgarien - anders als Griechenland zuvor im Namensstreit - nicht erklärt hat, dass der Zwist endgültig beigelegt sei. Somit bestehe die Gefahr, dass Nordmazedonien bei seiner EU-Annäherung "nicht wirklich weiterkommt".

Diktierte Geschichte

Bieber kritisiert auch, dass die EU die "groteske Forderung" Bulgariens überhaupt akzeptiert hat. Immerhin erkennt dabei ein Staat die Sprache seines Nachbarn nicht an und verlangt von diesem, die eigene Sichtweise auf die Geschichte zu übernehmen. So eine Haltung zu legitimieren, sei "eine Perversion der europäischen Integration und deren Idee", konstatiert der Politologe. Und wenn EU-Politiker wie Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen - wie in der Vorwoche in Skopje - versichern, dass bilaterale Angelegenheiten wie die Interpretation der Geschichte keine Bedingungen für Beitrittsgespräche seien, sei das schlicht "unaufrichtig", stellt Bieber fest.

Zudem könnten sich andere EU-Länder ein Beispiel an Bulgarien nehmen und ihre Mitgliedschaft dazu nutzen, zusätzliche Hürden für Beitrittswilliger zu errichten. Kroatien etwa hat noch offene Fragen mit Bosnien-Herzegowina.

So habe insgesamt "die Glaubwürdigkeit der Erweiterungspolitik sehr gelitten", fasst Bieber zusammen. Viele Mazedonier fühlten sich verbittert und von der EU enttäuscht.

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In Brüssel zeigte sich Ministerpräsident Kovacevski dennoch erfreut. Er habe sowohl im Kreis der EU-Politiker als auch bei seinen Medienauftritten mazedonisch verwendet - und diese Sprache werden noch viele Menschen in Europa hören.

Aber auch Kovacevski ist klar, dass bis zu einem EU-Beitritt noch Jahre vergehen werden. Am Dienstag wurden erst die Leitlinien vorgestellt, auf deren Grundlage die Kommission prüft, wie die nationale Gesetzgebung an EU-Recht angepasst werden muss. Erst später können die eigentlichen Verhandlungen beginnen, die in dutzende Kapitel unterteilt sind. Dabei können EU-Mitglieder den Prozess ebenfalls hemmen.

Dass der Weg noch ein weiter ist, räumte denn auch Albaniens Premier Rama ein. Die formelle Aufnahme der Gespräche markiere nicht den Anfang vom Ende, erklärte er: "Es ist das Ende vom Anfang."