Lange Zeit hatte es danach ausgesehen, als würde eine Außenseiterin das Rennen um die Nachfolge des britischen Premiers Boris Johnson machen. Handelsstaatssekretärin Penny Mordaunt war im parteiinternen Auswahlverfahren der Tories vier Runden lange hinter Ex-Finanzminister Rishi Sunak auf Platz zwei gelegen, bei der finalen Stichwahl der beiden bestplatzierten Kandidaten hätte die 49-Jährige aber die besseren Karten gehabt. Denn wer am 5. September in die Downing Street 10 einzieht, entscheiden letztlich die Parteimitglieder per Briefwahl, und aus deren Sicht wäre Mordaunt aktuellen Umfragen zufolge eindeutig die beste Kandidatin gewesen.

Nun bestreiten allerdings Sunak und Außenministerin Liz Truss die Stichwahl. Sunak hatte sich in der fünften Wahlrunde 137 Stimmen in der Tory-Fraktion sichern können, für Truss und Mordaunt hatten 113 beziehungsweise 105 Abgeordnete votiert. Der frühere Finanzminister hatte auch alle bisherigen Runden mit teils großem Abstand für sich entscheiden können.

Allerdings ist der 42-Jährige, der auch die Mitte der Partei anspricht, intern umstritten. Vor allem der rechtskonservative Flügel um Truss wirft Sunak vor, für die größten Steuererhöhungen der vergangenen Jahrzehnte verantwortlich zu sein. Der scheidende Premier gilt ebenfalls als Gegner des früheren Schatzkanzlers. So wirft Johnsons Umfeld Sunak vor, eine Kandidatur seit Monaten vorbereitet und dann mit seinem Rücktritt Johnsons Sturz eingeleitet zu haben.

Immer wieder sorgt auch Sunaks Wohlstand für Kritik. Der einst erfolgreiche Banker und Ehemann einer indischen Milliardärstochter habe keine Ahnung, wie es normalen Menschen gehe, ist ein viel gehörter Vorwurf.

Außenministerin Truss gibt sich dagegen als Reinkarnation der "Eisernen Lady" Margaret Thatcher. Doch Kritiker werfen der wenig charismatischen 46-Jährigen vor, von Inhalten wenig Ahnung zu haben und vielmehr auf Selbstinszenierung durch nachgestellte Thatcher-Fotos zu setzen. Als einzige verbliebene Vertreterin des rechten Flügels konnte Truss aber offenbar viele Abgeordnete überzeugen, die bisher für die ebenfalls rechtskonservative Ex-Staatssekretärin Kemi Badenoch gestimmt hatten.

Probleme überall

Leicht wird es für Sunak oder Truss aber auf keinen Fall werden, wenn sie im Spätsommer dann die Nachfolge von Boris Johnson antreten. Immens ist vor allem der Druck durch die explodierende Inflation. Die Teuerungsrate liegt mit 9,4 Prozent auf dem höchsten Stand seit 40 Jahren, für den Herbst wird erneut ein deutlicher Anstieg der Heizkosten erwartet.

Das künftige Kabinett wird auch keine Zeit zum Einarbeiten haben, zumal aktuell keine Entscheidungen mehr getroffen werden. Ausgerechnet inmitten einer Lebenskostenkrise werde Großbritannien von einer "Zombie-Regierung" geführt, klagte die Vize-Oppositionschefin Angela Rayner von der Labour-Partei.

Noch schwerer wiegen allerdings die Sorgen der Partei. Zwar gilt der populistische Charakterkopf Johnson vielen Mitgliedern noch immer als einziger Politiker, der die Tories zu Wahlsiegen führen kann. Die Fraktion habe einen Fehler gemacht, als sie den erst 2019 von der Basis gekürten Johnson absägte, kritisierten mehr als 2.000 Mitglieder in einer Petition.

Doch in den Augen der meisten Briten hat der scheidende Premier das Image der Tories schwer beschädigt. Auch viele Parteimitglieder werfen Johnson vor, er habe mit seinen ständigen Lügen und falschen Versprechungen das Vertrauen in die Konservativen untergraben. In Umfragen liegt die größte Oppositionspartei Labour in Führung, selbst in ihren Hochburgen erlitten die Tories jüngst erhebliche Pleiten.