Nach einem zehntägigen Lieferstopp strömt wieder russisches Gas nach Europa. Der Chef der deutschen Bundesnetzagentur, Klaus Müller, ging davon aus, dass die Auslastung der zentralen Pipeline Nord Stream 1 am Donnerstag bei 40 Prozent lag und damit das Niveau von vor der Wartung erreicht war, wie er per Twitter mitteilte. Jedoch: "Die politische Unsicherheit und die 60-prozentige Kürzung von Mitte Juni bleiben leider bestehen." Auch die österreichische Klimaschutzministerin Leonore Gewessler sah noch keinen Grund zur Entwarnung.

Während der regulären Wartung von Nord Stream 1 war ungewiss, ob und in welcher Größenordnung die Gaslieferungen von Russland wieder aufgenommen werden. Denn nicht nur die Regierung in Berlin hatte wiederholt gewarnt, dass von dauerhaften und verlässlichen Ausfuhren nicht auszugehen sei. Russland setze das Gas als Waffe ein.

Deutschland ist trotz Einfuhren aus anderen Gegenden von russischem Gas abhängig - und andere EU-Staaten sind es ebenfalls. Vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine bezog die Gemeinschaft an die 40 Prozent des Erdgases von Russland; mittlerweile sind die Importe auf unter 30 Prozent des Durchschnittswerts für die Jahre 2016 bis 2021 gefallen.

Die Union ist bemüht, ihre Energieabhängigkeit vom Kreml weiter zu reduzieren. Zu diesem Zweck sollen die EU-Mitglieder in den kommenden Monaten 15 Prozent ihres durchschnittlichen Gasverbrauchs der letzten fünf Jahre einsparen. Das sieht ein Notfallplan der EU-Kommission vor, der am Mittwoch vorgestellt wurde. Die Behörde schlägt außerdem Auktionen zur Entschädigung von Firmen vor, die ihren Gasverbrauch senken und Gas anderen Unternehmen abgeben wollen, sowie Begrenzungen der Heiz- und Kühltemperaturen in öffentlichen Gebäuden.

Portugal gegen Drosselung

Doch kaum hatte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen das Dokument präsentiert und erneut die Solidarität der Mitgliedstaaten beschworen, zeigten sich bei dieser erste Brüche. Vorbehalte kamen gleich aus mehreren Ländern. So wehren sich Portugal und Spanien gegen die Drosselung des Gasverbrauchs. Sein Land sei "absolut gegen" den unverhältnismäßigen und nicht nachhaltigen EU-Vorschlag, sagte der portugiesische Energieminister Joao Galamba der Zeitung "Expresso". Der EU-Plan gehe nicht auf den besonderen Wasserkraftbedarf Spaniens und Portugals ein. Beide Staaten seien wegen der aktuellen Dürre gezwungen, mehr Strom durch Gaskraftwerke zu erzeugen.

Auch die spanische Regierung ist nicht gewillt, den Konsumenten vorzuschreiben, den Gasverbrauch einzuschränken, wie Energieministerin Teresa Ribera dem lokalen Radiosender Cadena Ser erklärte. "Wir werden kein Gesetz einführen, das die Temperatur der Thermostate in den Wohnungen vorgibt."

Polen wiederum stößt sich an einer anderen Vorgabe - jener, dass die Staaten ihre eigenen Notfallpläne aktualisieren sollen. Das erachtet die Regierung in Warschau nicht als notwendig. Denn die polnischen Gasspeicher sind bereits zu 98 Prozent gefüllt. Das Land musste Maßnahmen ergreifen, nachdem Russland seine Lieferungen bereits im April eingestellt hatte.

Zum Vergleich: Die österreichischen Gasspeicher sind derzeit ungefähr zur Hälfte gefüllt, die deutschen zu rund 65 Prozent. In beiden Fällen ist damit aber trotzdem mehr vom Jahresverbrauch gedeckt als in Polen.

Ungarn setzt auf Russland

Während Deutschland und Österreich - ähnlich wie weitere benachbarte Staaten - vereinbaren wollen, sich im Gasnotfall gegenseitig zu helfen, wählte Ungarn in der Vorwoche einen anderen Weg. Die Regierung in Budapest rief den Energienotstand aus. Das bedeutet unter anderem, dass die Ausfuhr von Erdgas untersagt wird.

Stattdessen soll dieses weiter aus Russland bezogen werden - und Ungarn will sogar 700 Millionen zusätzliche Kubikmeter Gas kaufen. Zu Verhandlungen darüber ist Außenminister Peter Szijjarto am Donnerstag nach Moskau gereist.