Im Rennen um die Nachfolge des britischen Premiers Boris Johnson will Anwärterin Liz Truss mit dem Versprechen einer weitgehenden Streichung noch geltender EU-Regelungen überzeugen. Alle aus EU-Zeiten übernommenen Gesetze sollten unter ihrer Regierung bis Ende 2023 in einem "Lagerfeuer der Bürokratie" dahingehend auf den Prüfstand gestellt werden, ob sie dem Wirtschaftswachstum Großbritanniens dienten oder nicht, kündigte Truss am Samstag an.

Beim Brexit-Referendum 2016 hatte Truss noch für den Verbleib ihres Landes in der EU gestimmt. Mit einem besonders scharfen Brexit-Kurs will sie daher nun Zweifler von ihrer Kehrtwende überzeugen.

Der bisherige Staatssekretär für Brexit-Chancen, Jacob Rees-Mogg, hatte zuvor mit einem deutlich weniger ambitionierten Plan - nämlich die Prüfung der über 2.000 Gesetze bis Mitte 2026 - Zweifel im Kabinett ausgelöst. Angesichts deutlicher Kürzungen in der öffentlichen Verwaltung sei dies kaum zu schaffen, so die Befürchtung. Gewerkschaften fürchten zudem, dass Arbeitnehmerrechte durch die Maßnahmen deutlichen Schaden nehmen könnten. Außerdem könnten Umweltstandards unterlaufen werden und noch größere Handelshürden entstehen, warnen Experten im "Guardian".

Zufahrt zum Hafen von Dover weiter schwierig

Die Zufahrt zum Hafen von Dover hat sich zu Beginn der Sommerferien in weiten Teilen Großbritanniens weiter schwierig gestaltet. "Es ist sehr, sehr hart", sagte der Vorsitzende des Kent County Council, Roger Gough, am Samstagmorgen dem Sender BBC. Hafendirektor Doug Bannister wies darauf hin, dass die zusätzlichen Kontrollen nach dem Brexit die Zeit zum Einchecken verlängern.

Für Samstag sei ohnehin eine "hohe Belastung" absehbar gewesen, sagte Bannister. Nach den 8.500 am Freitag abgefertigten Autos würden am Samstag 10.000 erwartet, sagte er der BBC. Die britische Außenministerin Liz Truss forderte Paris am Freitag auf, etwas gegen die "unannehmbaren" Verzögerungen im Hafen von Dover zu unternehmen. Von der britischen Seite wurde die "traurige Unterbesetzung" der französischen Grenzkontrollen beklagt. Passagiere müssen britische und französische Kontrollen hinter sich lassen, bevor sie Fähren betreten können.

Truss bezeichnete die Lage als "völlig vermeidbar". Die Ministerin, die sich um die Nachfolge von Premierminister Boris Johnson bewirbt, forderte: "Wir brauchen Maßnahmen von Frankreich, um die Kapazitäten an der Grenze zu erhöhen, um weitere Störungen für britische Touristen zu begrenzen und um sicherzustellen, dass diese schreckliche Situation in Zukunft vermieden wird."

Sunak geht als "Underdog" ins Rennen

Truss' Rivale um den Premier-Posten Rishi Sunak kündigte am Samstag in einem Interview mit der "Times" an, mit einer Taskforce die enormen Wartezeiten auf Behandlungen und Operationen im britischen Gesundheitsdienst NHS bewältigen zu wollen. Ohne radikale Reformen drohe dieser "zusammenzubrechen", so Sunak.

In den nächsten Wochen entscheiden die Parteimitglieder der konservativen Tories, ob Truss oder Sunak im September in die Downing Street einziehen und Boris Johnson nachfolgen wird. In Umfragen führt die derzeitige Außenministerin Truss. Sunak gestand ein, als "Underdog" ins Rennen zu gehen, obwohl er in den fraktionsinternen Abstimmungen durchweg die meisten Stimmen erhielt. (apa, dpa)