Kiew. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wirft der ukrainischen Armee vor, mit ihrer Kriegsführung teils Zivilisten in Gefahr zu bringen. Bei der Abwehr der seit mehr als fünf Monaten andauernden russischen Invasion errichteten die Ukrainer Militärbasen etwa in besiedelten Wohngebieten - darunter auch in Schulen und Krankenhäusern - oder bedienten dort Waffensysteme, heißt es in dem am Donnerstag erschienenen Bericht.

Eine russische Rakete hat diese Schule in Mykolajiwka zerstört. Laut Amnesty International hat die Ukraine Militärbasen auch in solchen zivilen Gebäuden errichtet. reuters / Ukrainischer Staatsnotdienst - © reuters / Ukrainischer Staatsnotdienst
Eine russische Rakete hat diese Schule in Mykolajiwka zerstört. Laut Amnesty International hat die Ukraine Militärbasen auch in solchen zivilen Gebäuden errichtet. reuters / Ukrainischer Staatsnotdienst - © reuters / Ukrainischer Staatsnotdienst

Das Kriegsrecht aber verlange von Konfliktparteien, militärische Objekte so weit wie möglich entfernt von zivilen Einrichtungen zu platzieren, mahnte die Organisation. Amnesty betonte jedoch auch: "Gleichzeitig rechtfertigen die ukrainischen Verstöße in keiner Weise die vielen wahllosen Schläge des russischen Militärs mit zivilen Opfern, die wir in den vergangenen Monaten dokumentiert haben."

Während der Bericht von kremltreuen russischen Medien ausführlich thematisiert wurde, zeigte sich Kiew empört. Der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak warf Amnesty eine Beteiligung an einer russischen Propaganda-Kampagne vor, mit welcher die westlichen Waffenlieferungen gestoppt werden sollen. "Die einzige Gefahr für Ukrainer ist die russische Armee aus Henkern und Vergewaltigern, die in die Ukraine kommen und einen Genozid verüben", schrieb Podoljak auf Twitter.

Er verwies zudem darauf, dass immer wieder Bewohner aus frontnahen Städten evakuiert würden - eben weil das Leben der Zivilbevölkerung für die Ukraine Priorität habe.

Schwere Kämpfe
bei Donezk gemeldet

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs Ende Februar wurden wiederholt Fälle schwerster Verbrechen an Zivilisten öffentlich, für die die Ukraine - aber auch die überwältigende Mehrheit der internationalen Gemeinschaft - Russland verantwortlich machen. Zu den schockierendsten Fällen zählt ein Raketenangriff, der im April fliehende Ukrainer auf dem Bahnhof der östlichen Stadt Kramatorsk traf.

Vor der Großstadt Donezk im Osten der Ukraine liefern sich unterdessen Ukrainer und Russen schwere Kämpfe. Kreml-treue Truppen versuchen, das ukrainische Militär aus seinen Stellungen in den Vororten zu vertreiben, wie übereinstimmend aus den Militärberichten beider Länder hervorgeht. Die Stadt Donezk selbst wird bereits seit 2014 von prorussischen Separatisten kontrolliert, die gleichnamige Region hält die ukrainische Armee aber weiter in großen Teilen.

Zugleich setzte Russland seine Raketenangriffe auf ukrainische Großstädte in anderen Regionen fort. In Charkiw im Norden schlugen in der Nacht vier Raketen ein. Im Süden war das Gebietszentrum Mykolajiw einmal mehr Ziel russischer Angriffe. Vorläufigen Angaben zufolge wurden dort mehrere Wohnhäuser beschädigt, Tote und Verletzte gab es demnach aber nicht.

Knapp eine Woche nach dem verheerenden Angriff auf ein Kriegsgefangenenlager im ostukrainischen Oleniwka kündigte UNO-Generalsekretär Antonio Guterres eine Untersuchung an. Moskau und Kiew geben sich gegenseitig die Schuld an dem Angriff. (apa, afp, dpa)