Moskau. Als Wladimir Putin vergangene Woche die Teilmobilmachung anordnete, dürfte der Kriegsherr im Kreml wohl gehofft haben, gleiche mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Denn mit der angekündigten Einberufung von knapp 300.000 Reservisten kam der russische Präsident nicht nur der Forderung nationalistischer Hardliner und einflussreicher Militärblogger nach, die Gangart in der Ukraine zu verschärfen. Nach der Vorstellung des Kreml sollten die neu einberufenen Soldaten auch die schon seit Monaten zu beobachtende Personalnot der russischen Armee lindern.

Wie sich in den vergangenen Tagen gezeigt hat, löst die von vielen Russen abgelehnte Mobilmachung derzeit aber weniger Probleme, als dass sie neue schafft. So hat in der ostsibirischen Stadt Ust-Ilimsk ein Reservist, der zum Kriegsdienst in der Ukraine eingezogen werden sollte, auf den Leiter einer Einberufungsstelle geschossen und den Mann schwer verletzt. Der Zustand des Militärkommissars sei kritisch, erklärte der Gouverneur der Region Irkutsk, Igor Kobsew. "Die Ärzte kämpfen um sein Leben."

In der russischen Teilrepublik Dagestan war bereits am Wochenende in mehreren Orten der Widerstand gegen die Einberufungen eskaliert. Frauen gingen mit Fäusten auf Polizisten los, weil sie damit verhindern wollten, dass ihre Männer, Söhne oder Brüder im Krieg in der Ukraine sterben. Viele riefen, dass sie nichts gegen Ukrainer hätten und deshalb nicht auf sie schießen würden. Ein Polizist feuerte mit einer Maschinenpistole in die Luft, um die wütende Menschenmenge zur Räson zu bringen. Zeitweise wurde auch eine Fernverkehrsstraße mit Sitzblockaden der Dagestaner gesperrt.

Um der Einberufung zu entgehen, verlassen zehntausende Männer fluchtartig das Land per Flugzeuge oder mit dem Auto, etwa über die Grenzen zu den Sowjetrepubliken Kasachstan oder Georgien. Viele Familien in Russland sind in heller Panik, ihre Angehörigen in dem Krieg zu verlieren. Hand in Hand mit der Mobilmachung hat Putin auch die Strafen für Kriegsdienstverweigerer verschärft.

Auch der Grenzverkehr in Richtung Finnland ist stärker geworden. Fast 17.000 Russen überquerten laut Angaben der finnischem Behörden am Wochenende die Grenze. Das sei ein Anstieg um 80 Prozent im Vergleich zum Wochenende davor, sagte Taneli Repo, Hauptmann der finnischen Grenzbehörde im Südosten des Landes. Die finnische Regierung hatte am Freitag erklärt, russischen Staatsbürgern bald die Einreise mittels Touristenvisa zu verweigern.

Viele durch die jüngste Teilmobilmachung rekrutierte russische Kämpfer ziehen nach Einschätzung britischer Geheimdienste ohne fundierte Ausbildung oder Erfahrung in den Krieg in der Ukraine. Die russische Armee stehe nun vor der enormen Herausforderung, die Truppen zu schulen, hieß es am Montag in einem Kurzbericht des britischen Verteidigungsministeriums.

In Russland sei es im Gegensatz zu vielen westlichen Armeen üblich, eine Erstausbildung innerhalb operativer Einheiten zu durchlaufen statt in speziellen Ausbildungseinrichtungen. Viele dieser sogenannten dritten Bataillone seien jedoch aktuell in die Ukraine entsandt. Der Mangel an qualifizierten Ausbildern und der überstürzte Ablauf der Teilmobilmachung würden darauf hindeuten, dass viele der neuen Soldaten ohne ausreichende Vorbereitung an die Front geschickt würden. Dies mache hohe Verluste wahrscheinlich.