Der Krieg in der Ukraine läuft für Russland derzeit ebenso schlecht wie die Mobilisierung von Soldaten. Seit Präsident Wladimir Putin in der Vorwoche verkündete, dass 300.000 Reservisten eingezogen werden, rumort es im Land.

Die Regierung stehe nicht nur vor der Herausforderung, genug Männer einzuberufen, um in der Ukraine weiterkämpfen zu können, sondern müsse auch die verängstigte Bevölkerung beruhigen, schreibt das Washingtoner Institute for the Study of War (ISW). Die Führung in Moskau spiele zwar die Verstöße gegen die Mobilisierungsgesetze vielerorts als Versagen einzelner örtlicher Beamter herunter. Doch die Fehler seien für die Bevölkerung zu offenkundig, um das zu glauben, heißt es in dem ISW-Bericht.

Denn anders als bei den russischen Niederlagen in der Ukraine, die die Bürger nicht direkt zu sehen bekomme, sei diese bei den Mobilisierungsfehlern nicht auf die staatlich kontrollieren Medien angewiesen, um davon zu erfahren. Berichte, dass etwa Männer eingezogen würden, die nie gedient hätten oder zu krank oder zu alt zum Kämpfen seien; oder dass Mobilisierte schlecht behandelt würden, verbreiteten sich mündlich, weil Familien ihrer Wut darüber Luft machten.

Putins Propagandistin rückt aus

Laut ISW versucht der Kreml dieses Bild mit Berichten zu korrigieren, denen zufolge fälschlich Einberufene nach staatlicher Intervention wieder aus den Rekrutenzentren entlassen wurden. Auch eine der wichtigsten Propagandisten Putins, die Chefin des Senders RT Margarita Simonjan, tadelte im TV die lokalen Behörden.

Damit riskiere die Regierung laut ISW, die Integrität ihres wichtigen Verwaltungsapparats zu untergraben, wenn weiter den lokalen Behörden die Schuld für Fehler gegeben wird, die sie nicht allein verantworten. Das Institut verwies auf erste Fälle, in denen sich der Widerstand gegen die Mobilisierung direkt gegen die ausführenden Beamten vor Ort richtete, wie am Montag in der ostsibirischen Stadt Ust-Ilimsk, in der ein Reservist auf den Leiter einer Einberufungsstelle schoss.

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Zudem gab es in den vergangenen Tagen in dutzenden Ortschaften Proteste gegen die Einberufung. In der Teilrepublik Dagestan gingen Frauen mit Fäusten auf Polizisten los. Die arme Gegend im Nordkaukasus zählt zu jenen Regionen, aus denen besonders viele Personen einrücken müssen. Dabei sind seit Kriegsbeginn bereits überproportional viele Männer aus Dagestan gefallen. Die Teilrepublik ist mehrheitlich von Muslimen bewohnt. Kritik wird daher laut, dass sie für Putins großrussischen Feldzug unter Billigung des orthodoxen Patriarchen zuerst geopfert werden.

Die Absetzbewegung aus Russland hält derweil an. 98.000 Personen sind seit Bekanntwerden der Mobilmachung nach Kasachstan eingereist. Alle Russen würden aufgenommen mit Ausnahme von Kriegsdienstverweigerern, nach denen gefahndet werde, erklärte die Führung des zentralasiatischen Landes. In Georgien kämen täglich 10.000 Russen an, sagte Innenminister Wachtang Gomelauri am Dienstag. Und in Finnland, dem einzigen EU-Land, das Russen noch direkt auf dem Landweg erreichen können, überquerten am Wochenende 17.000 Menschen die Grenze.

Gute Nachrichten kann die Kreml-Propaganda derzeit nur über den Beitritt besetzter Gebiete in der Ukraine zu Russland verbreiten. Am Dienstag endeten die Scheinreferenden.(apa/reu)