Wolodymyr Pokrasenko hat an einem Tisch im Eck des Altwiener Kaffeehauses Platz genommen und greift nach dem Menü. Der Blick in die Karte endet in einem "Einen Cappuccino, bitte!" - ein Satz, der ihm schon länger nicht mehr über die Lippen gekommen ist. Wolodymyr kommt aus Chaiky, einem kleinen Ort nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Viele der Cafés in seiner Region sind zerstört, andere haben geschlossen, weil die Besitzer vor dem Krieg geflüchtet oder an die Front gezogen sind.

Wolodymyr ist aber geblieben. Bereits in den ersten Tagen des Krieges hat er eine Organisation gegründet, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, Geldspenden und Güter zu sammeln, sie zu verteilen und dabei zu helfen, Infrastruktur wiederaufzubauen und die Spuren der Verwüstung zu beseitigen. Auch in der Stadt Butscha packt er regelmäßig mit an.

Wolodymyr Pokrasenko packt mit an. - © Jewgeni Zinchenko
Wolodymyr Pokrasenko packt mit an. - © Jewgeni Zinchenko

Tage nach der Belagerung

Setzt Wolodymyr sich ins Auto, ist er in etwas mehr als zwanzig Minuten in Butscha. Im März besetzte russisches Militär die Kleinstadt über einen Monat lang. Bewohnerinnen und Bewohner konnten nicht heraus, Helfende nicht hinein. Wolodymyr war unter den ersten, die Butscha betraten, nachdem die russische Besatzung abgezogen war. Das Ausmaß des Leids und Grauens war groß, wie Wolodymyr schildert: "Die Straßen waren voll mit Trümmern, kaputten Autos und Panzerwracks, die den Weg versperrten." Und zwischen den Trümmern da lagen Leichen. Dutzende. In den Tagen und Wochen danach wurden 458 tote ukrainische Zivilisten in der Stadt gefunden, die meisten davon waren wahllos erschossen worden. Die Organisation Human Rights Watch bestätigte zudem Hinweise auf Folter, Massenhinrichtungen und den Einsatz von Sprengfallen.

"In den ersten Tagen waren wir fast rund um die Uhr vor Ort", so Wolodymyr, "Wir haben den Menschen aus Kellern geholfen, Essen hingebracht und, was noch viel wichtiger war, seelische Unterstützung geboten." Den Bewohnerinnen und Bewohnern sei die Erleichterung anzusehen gewesen: "Die Menschen waren so froh, dass jetzt endlich Leute kamen, die helfen wollten und nicht schießen." Seine Waffe hatte der Ukrainer bei den Besuchen in dem Ort trotzdem stets dabei. Wusste er vor einigen Monaten nicht einmal, wie man Patronen in die Waffe steckt, ist sie mittlerweile sein häufiger Begleiter.

Eine Stadt im Wiederaufbau

In den letzten Monaten hat sich die Lage in Butscha etwas erholt. Tote auf den Straßen sind keine mehr zu sehen, die Wege zum Großteil von Trümmern befreit. Wolodymyr erzählt von dem kleinen bisschen Leben, das wieder nach Butscha zurückkehrt. Einzelne Supermärkte und Cafés, deren Gemäuer den Angriff überstanden haben, sind wieder geöffnet und es sind wieder Menschen auf den Straßen. Auf Spenden sind trotzdem weiterhin viele Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt angewiesen, die ehemals ein familienfreundlicher Ort mit etwa 35.000 Einwohnern war. Diese Zahl ist mittlerweile stark geschrumpft.

Unter den Verbleibenden sei aber ein großer Zusammenhalt zu spüren. Freiwillige aus dem Ausland und der Nachbarschaft helfen, Häuser wieder aufzubauen, Bagger füllen Löcher in den Straßen und Kräne setzen den Häusern wieder Dächer aufs Haupt.

Sorge vor der Kälte

Trotz aller Bemühungen zeichnen aber nach wie vor zerstörte Gebäude das Stadtbild. Es gibt Gebäude ohne Mauern, Autos ohne Reifen und Fenster ohne Scheiben. Das alles könnte ein immenses Problem im bevorstehenden Winter darstellen, meint Wolodymyr. Denn Temperaturen von minus 15 Grad oder weniger sind im Norden der Ukraine durchaus keine Seltenheit. Doch Schutz vor dieser Kälte bieten in Butscha momentan nur wenige Häuser: Explosionen haben den Großteil der Fenstergläser zerbersten lassen. Die Kälte draußen und die Wärme drinnen zu halten ist vielerorts also ein Ding der Unmöglichkeit. Wohnungen winterfest zu machen, habe deshalb momentan Priorität, so der Ukrainer.

Da auch Strom- und Heizungsnetz in dem Gebiet stark beschädigt worden sind, wird man sich dieses Jahr nicht auf eine stabile Heizungsversorgung verlassen können, wie sie vor dem Krieg gegeben war; der Ort muss also umsatteln. Wolodymyr versucht deshalb zur Zeit gemeinsam mit anderen, Holzöfen zu beschaffen und sie in die Wohnungen zu bringen. "Es ist ein bisschen wie vor 100 Jahren", meint Wolodymyr und grinst bei dem Gedanken.

Auf Umwegen zurück

In ein anderes Jahrhundert zurückversetzt fühlt sich der Ukrainer auch hier im Wiener Kaffeehaus. Er hat seinen Cappuccino mittlerweile ausgetrunken, bittet um die Rechnung und tritt durch die Glastür nach draußen. Die verbleibende Wochenhälfte verbrachte er mit seiner Frau und seinen Kindern in Wien, die nach längeren Zwischenstopps im Westen der Ukraine und in Polen in die österreichische Hauptstadt geflüchtet sind. Wolodymyr hatte sie zuvor ein halbes Jahr nicht mehr in den Armen gehalten.

In der Woche darauf stieg Volodymyr wieder ins Auto , um die Fahrt zurück in die Ukraine anzutreten. Ins Navigationsgerät gab er aber nicht seinen Heimatort Chaiky ein, sondern er nahm einen Umweg über Polen. Dort wartete eine Ladung Kleidung, Essen, Hygieneartikel und andere Hilfsgüter auf ihn, die er in den Kofferraum seines Wagens packte und in die Region rund um Butscha transportierte. Es sind viele Kilometer, die Wolodymyr fährt, um seinem Wunsch für die Zukunft ein Stückchen näher zu kommen: "Dass es irgendwann alles wieder wird wie davor. Nein, besser!"