Gleich hinter der Grenze sind sie zu sehen. Einzeln oder in kleinen Grüppchen gehen die Männer im Gänsemarsch die Straße entlang. Manche haben ihre Rucksäcke geschultert, manche noch die Haube auf. Der Nachmittag ist mild, doch die Nächte werden schon rau. Und die Nacht ist die bevorzugte Zeit für "The Game".

Mit einem Spiel hat es aber wenig zu tun, was die Menschen an der serbisch-ungarischen Grenze tagtäglich versuchen. Sie wollen nach Europa, und sie lassen sich auch nicht von einem vier Meter hohen Stacheldraht aufhalten, der unter Strom gesetzt ist. Wenn sie aus Ungarn nach Serbien zurückgebracht - oder, wie viele erzählen: zurückgeprügelt - werden, probieren sie es wieder und wieder.

In aufgelassenen Wirtschaftsgebäuden finden die Menschen Unterschlupf. - © David Pichler
In aufgelassenen Wirtschaftsgebäuden finden die Menschen Unterschlupf. - © David Pichler

Aisha hat es in den vergangenen Wochen fünf Mal versucht. Nun muss sie eine Pause einlegen. Die junge Frau aus Tunesien hat sich beim letzten Mal den Fuß verletzt, als sie auf der ungarischen Seite vom Zaun gesprungen ist, den sie auf einer Leiter erklommen hat. Sie ist weitergehumpelt, doch die Polizei hat sie aufgegriffen und wieder in Serbien abgesetzt. Mit ihrem Mann möchte Aisha nach Deutschland. Vor langer Zeit hat sie ihr Land verlassen, in dem sie keine Zukunft für sich sah. "Die politische Situation", nennt sie als Grund. Eineinhalb Jahre war sie in der Türkei, nun steckt sie vor der EU-Außengrenze fest.

Verfallene Lagerhallen werden zu wilden Camps

Aisha sitzt auf einer zerschlissenen Matratze, auf einer anderen hören drei weitere Frauen, in ihre Mäntel gehüllt, dem Gespräch zu. Der Raum hat zwar ein Dach, aber keine Scheiben in den Fensterrahmen; als Tür fungiert eine herabhängende Decke. Das Zimmer ist Teil eines heruntergekommenen Gebäudes, wie es mehrere davon auf dem Gelände gibt. Das wurde früher für landwirtschaftliche Produktion genutzt - noch immer wird im nordserbischen Horgos Paprika verarbeitet. "Vitaminka" nennt sich auch das wilde Camp, in dem Dutzende Flüchtlinge und Migranten Unterschlupf gefunden haben.

Die Parlamentarierin Ernst-Dziedzic im Gespräch mit Flüchtlingen. Ein Mitarbeiter von KlikAktiv übersetzt. - © David Pichler
Die Parlamentarierin Ernst-Dziedzic im Gespräch mit Flüchtlingen. Ein Mitarbeiter von KlikAktiv übersetzt. - © David Pichler

Es sind großteils junge Männer; sie kommen aus Afghanistan, Marokko, Syrien, Indien. Auch im Camp teilen sie sich in Gruppen auf. Ein Raum wird als Küche mit offenem Feuer genutzt, in einer Ecke häufen sich die Essensabfälle. Strom gibt es nur selten, Wasser kommt aus einem Schlauch vor einem der Gebäude. Die Männer schlafen auf Decken auf dem Boden oder in Zelten, die um die Häuser aufgestellt wurden. Zwischen den Ruinen und in den Feldern: Plastikverpackungen. Die Menschen bemühen sich zwar, den Müll an bestimmten Stellen zu sammeln, aber der Wind verweht es.

Solche inoffiziellen Flüchtlingslager gibt es mehrere entlang der Grenze; in aufgelassenen Fabriks- oder Lagerhallen und auf dem Gelände rundherum, das Bäume und Sträucher langsam in ihren Besitz nehmen. In den offiziellen Einrichtungen in Serbien, die überfüllt sind, sind an die 6.000 Schutzsuchende untergebracht; im Grenzgebiet im Norden des Landes halten sich schätzungsweise rund 4.500 Menschen auf.

Die Helfer von KlikAktiv fahren die wilden Camps mehrmals in der Woche an. Die Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Belgrad bietet rechtliche und psychosoziale, aber auch humanitäre Hilfe an. Aus dem Kleinbus wird eine Ladestation rausgehievt, an der Handys angehängt werden können. "Handys haben eine enorme Bedeutung - sie dienen nicht nur als Kompass, sondern auch als letzter Anker für den Kontakt mit Verwandten", erklärt Petar Rosandic von SOS Balkanroute. Die österreichische Organisation unterstützt Klik-Aktiv und andere lokale Initiativen.

SOS Balkanroute (im Bild Petar Rosandic) unterstützt lokale Hilfsorganisationen wie KlikAktiv. 
- © David Pichler

SOS Balkanroute (im Bild Petar Rosandic) unterstützt lokale Hilfsorganisationen wie KlikAktiv.

- © David Pichler

Regenjacken und Decken werden verteilt. Zwei Mitarbeiter von KlikAktiv sprechen Paschtu und Arabisch; einer der Übersetzer ist vor einigen Jahren selbst als Flüchtling aus Afghanistan gekommen. In Serbien hat er die Schule beendet und Asyl erhalten. Nun übersetzt er die Berichte anderer Flüchtlinge. Diese erzählen von Pushbacks, illegalen Zurückweisungen durch ungarische Grenzbeamte, von exzessiver Gewalt, von Schlägen und Fußtritten, Einsatz von Pfefferspray, der in Augen und Mund gesprüht wird. Sie weisen auf ihre blauen Flecken und verbundenen Beine.

Heuer 182.000 Aufgriffe auf ungarischer Seite

Ewa Ernst-Dziedzic hört ebenfalls zu. Die Grüne Nationalratsabgeordnete ist an die Grenze gereist, durch die die sogenannte Balkanroute verläuft. Diese war nie undurchlässig, doch sie ändert sich. Derzeit ist nach Angaben von Hilfsorganisationen die serbisch-ungarische Grenze und das Dreiländereck mit Rumänien ein Brennpunkt. Gelenkt werden die Bewegungen teils von den Menschenschmugglern, von denen ein paar selbst Flüchtlinge gewesen sein sollen, die nun Schulden bei einer Schleppermafia haben.

Ernst-Dziedzic weist darauf hin, dass die Schutzsuchenden, die in die EU gelangen wollen, in die Illegalität gedrängt werden können, weil sie keine legale Möglichkeit haben, einen Asylantrag zu stellen. Das Ansuchen kann bei den ungarischen Botschaften in Belgrad oder etwa Kiew eingereicht werden. Und während die Friedensnobelpreisträgerin Europäische Union auf Menschenrechtsverletzungen in China oder an der US-Grenze zu Mexiko zeige, werden "bei Flüchtlingen hier andere Maßstäbe angelegt", konstatiert die Grüne Sprecherin für Außenpolitik, Migration und Menschenrechte. So sei ein EU-Land, Ungarn, "in einen permanenten Rechtsbruch involviert".

Die Regierung in Budapest ist stolz auf die Verteidigung der Landesgrenzen. Diese sei die Basis der inneren Sicherheit, heißt es aus dem Büro des Regierungssprechers. Verwiesen wird auf den Migrationsdruck: "Illegale Immigranten unterschiedlicher Nationalitäten kommen kontinuierlich an, begleitet von zunehmend gut organisierten Banden von Menschenschmugglern." Derzeit würden täglich im Schnitt an die tausend Menschen versuchen, nach Ungarn zu gelangen. Heuer habe es 182.000 Aufgriffe gegeben. Daher müsse der Grenzzaun weiter befestigt werden.

Am Übergang bei Rabe bricht der Zaun, der sich in zwei Bahnen über die Felder zieht, ab. Hinter den Containern am Straßenrand liegt Ungarn, rechts beginnt Rumänien. Auf einem Plakat wird auf Ungarisch für die Grenzjäger geworben. In einem Schnellkurs können sich Menschen für diese neue Formation ausbilden lassen, die dann gemeinsam mit der Polizei für den Grenzschutz sorgen soll. So sollen Polizei und Militär entlastet werden. 2.200 Personen sollen insgesamt rekrutiert werden, die ersten 500 Grenzjäger haben im September ihren Dienst aufgenommen.

Auch österreichische Beamte sind im Nachbarland aktiv. Die ungarischen Grenzschützer werden außerdem von tschechischen und türkischen Kollegen unterstützt. Österreich hat 70 Polizisten entsandt, Drohnen werden ebenfalls eingesetzt.

Gekocht wird über offenem Feuer. 
- © David Pichler

Gekocht wird über offenem Feuer.

- © David Pichler

Wenige Kilometer von Rabe entfernt befindet sich, in einer verfallenden Halle, das wilde Flüchtlingscamp bei Majdan. Dutzende Männer, aber auch ein paar Frauen mit Kindern, sind hier, am nördlichen Rand Serbiens im Dreiländereck, gestrandet. Einer von ihnen ist Khaled. Mit seinem syrischen Freund hockt der Jemenite auf dem Boden vor einem flachen Topf. Auf einem mit Steinen improvisierten Ofen bereiten die Männer über offenem Feuer Eierspeise zu.

"Wir sehen fast täglich Folterwunden"

Khaled will nach Europa, irgendwohin, wo er arbeiten und so seine Familie im Jemen unterstützen kann. Er hat 13 Geschwister und ist das älteste Kind. Zwei Jahre habe er Medizin studiert, erzählt er: "Aber wie willst du lernen, wenn du Hunger hast?" So hat er sich auf den Weg gemacht.

Seit drei Monaten ist Khaled unterwegs, seit drei Wochen ist er hier. "Gehen, gehen, gehen" - das mache er seitdem. "Manchmal machst du einen Meter, und du bist in Ungarn oder Rumänien. Und dann wirst du wieder zurückgebracht." Diese Nacht ist er zwei Mal zum "Game" angetreten, mit ein paar anderen Männern. Ein paar Kilometer hätten sie schon geschafft, dann seien sie aufgegriffen und wieder nach Serbien gebracht worden. Zuvor wollten die Polizisten Geld. "Aber ich habe kein Geld mehr", sagt Khaled. Sein Handy habe er versteckt, damit es ihm nicht weggenommen werde. Wenigstens sei er nicht geschlagen worden.

Von systematischer Gewalt und gar Folter sprechen auch Hilfsorganisationen. Ärzte ohne Grenzen schlägt bereits seit einiger Zeit Alarm. Die Aussagen der Flüchtlinge decken sich mit den Spuren auf deren Körpern. "Wir sehen fast jeden Tag Folterwunden - zugefügt durch Schlagstöcke, Stromkabeln, Gewehrkolben, Gummikugeln", berichtet Nicolai Kißling von Medical Volunteers International. Die Mitarbeiter der Organisation, Ärzte und Pflegende, fahren zwei Mal die Woche die Camps ab. Sie hören auch von psychischer Folter: So seien mehrere in Ungarn aufgegriffene Männer gezwungen worden, am Straßenrand zu knien, die Hände mit Kabelbinder zusammengeschnürt. Autos, Schulbusse seien vorbeigefahren.

Für die "überbordende Gewalt" gebe es keine Veranlassung, betont Kißling. Wie die Grünen-Politikerin prangert der Allgemeinmediziner an, dass dies auf europäischem Boden passiere. Ernst-Dziedzic stellt klar: "Über das Asylsystem können wir diskutieren, aber unumstößlich ist das Folterverbot."

Ungarn weist die Vorwürfe kategorisch zurück. Dem Regierungssprecher zufolge würden die Grenzen den internationalen Gesetzen und Konventionen entsprechend geschützt. Auch die österreichischen Beamten hätten von solchen Rechtsverstößen keine Kenntnis, heißt es aus dem Innenministerium in Wien.

In der Zwischenzeit schultern mehrere Grüppchen von Menschen in "Vitaminka" ihre Rucksäcke. Sie brechen auf zum nächsten "Game".