Die Ukraine hat die im Land kämpfenden russischen Soldaten zum Aufgeben aufgerufen und ihnen im Gegenzug Schutz zugesichert. Die Ukraine garantiere "Leben, Sicherheit und Gerechtigkeit für alle, die sofort den Kampf verweigern", sagte Verteidigungsminister Oleksij Resnikow in einem am Freitag veröffentlichten Video in russischer Sprache. "Ihr könnt immer noch Russland vor einer Tragödie und die russische Armee vor Demütigung bewahren."

Die Ukraine werde dafür sorgen, dass die russischen Befehlshaber, die "kriminelle Befehle erteilt" hätten, vor ein Tribunal gestellt werden, sagte Resnikow. "Ihr seid getäuscht und betrogen worden", betonte der Verteidigungsminister. Es sei für die Befehlshaber einfacher, "euch zu erzählen, dass ihr im Kampf gegen imaginäre NATO-Horden heroisch gestorben seid". Zwar lieferten NATO-Länder der Ukraine Waffen, doch seien es "ukrainische Soldaten, die euch mit diesen Waffen schlagen".

Die ukrainische Armee führt seit Wochen Gegenoffensiven im Süden und Osten des Landes und konnte inzwischen große Gebiete aus der Hand der russischen Truppen zurückerobern. Präsident Wolodymyr Selenskyj meldete am Donnerstagabend den Rückzug Tausender russischer Soldaten nach dem Zusammenbruch der Frontlinie zunächst im Nordosten, dann seit Wochenbeginn auch im Süden. In seiner täglichen Videoansprache sagte er, ukrainische Streitkräfte hätten mehr als 500 Quadratkilometer und Dutzende Ortschaften im Gebiet um Cherson zurückerobert. Diese Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Unterdessen wurde beim Beschuss von Wohngebäuden in der Stadt Saporischschja ukrainischen Angaben zufolge mindestens elf Menschen getötet. Weitere 21 Bewohner seien nach den russischen Angriffen am Donnerstag teils schwer verletzt aus den Trümmern gerettet worden, teilte der ukrainische Zivilschutz am Freitag mit. Auf Fotos ist zu sehen, wie Rettungskräfte im Schutt graben, um Vermisste zu finden. Von den Raketen getroffen wurden den Angaben zufolge zwei mehrstöckige Häuser.

Das Gebiet Saporischschja ist eines von vier Gebieten, das neben Cherson, Donezk und Luhansk vor rund einer Woche offiziell von Russland annektiert wurde. Bisher halten russische Truppen rund 70 Prozent der Region besetzt - allerdings nicht die Gebietshauptstadt Saporischschja selbst.

Die russische Nachrichtenagentur TASS berichtete von mindestens fünf Toten in dem von Russland kontrollierten Teil der südlichen ukrainischen Region Cherson beim Beschuss eines Busses durch ukrainische Streitkräfte. Die französische Nachrichtenagentur AFP berichtete zudem unter Berufung auf prorussische Vertreter von fünf Verletzten. Der Angriff habe stattgefunden, als ein Bus mit Zivilisten über die Dariewski-Brücke in der Nähe des Dorfes Darivka fuhr, teilt die von Russland eingesetzte Regionalbehörde mit. Videos von der staatlichen Nachrichtenagentur Swesda, die durch die russischen Streitkräfte geteilt wurden, zeigten das ausgebrannte Wrack eines Busses und einen schwer beschädigten Lieferwagen dahinter.

Die prorussischen Separatisten gaben am Freitag auch die Eroberung von drei Dörfern in der Nähe der Stadt Bachmut im Osten der Ukraine bekannt. Die russische Armee hatte am Vortag in ihrer täglichen Bilanz bereits die Eroberung eines der Dörfer bekannt gegeben. Die Dörfer liegen südlich der von den ukrainischen Streitkräften kontrollierten Stadt Bachmut, welche die russische Armee seit Monaten erfolglos einzunehmen versucht.

Rund 62.000 tote russische Soldaten

Russland hat laut den Informationen des Generalstabs der ukrainischen Armee bisher rund 61.680 Soldaten in der Ukraine verloren, wie die Medienplattform Ukrinform am Freitag berichtete. Im Verlauf des gestrigen Tages habe sich ihre Zahl um 350 erhöht.

Die ukrainische Armee nutzt nach Ansicht britischer Militärexperten inzwischen in großem Ausmaß von der russischen Invasionsarmee erbeutete Fahrzeuge. Mehr als die Hälfte der im Einsatz befindlichen ukrainischen Panzer stammen aus den Beständen Moskaus, hieß es in dem täglichen Geheimdienst-Update des britischen Verteidigungsministeriums zum Ukraine-Krieg am Freitag. "Die Ukraine hat seit der Invasion wahrscheinlich mindestens 440 Kampfpanzer und etwa 650 gepanzerte Fahrzeuge erbeutet."

Das Versäumnis russischer Besatzungen, funktionsfähiges Material vor einem Rückzug oder einer Aufgabe zu zerstören, zeige, wie schlecht die russischen Soldaten ausgebildet seien und wie niedrig die Kampfmoral sei. Es sei wahrscheinlich, dass die Russen weiterhin schwere Waffen verlieren, hieß es weiter.

Das britische Verteidigungsministerium veröffentlicht seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine Ende Februar unter Berufung auf Geheimdienstinformationen täglich Informationen zum Kriegsverlauf. Damit will die britische Regierung sowohl der russischen Darstellung entgegentreten als auch Verbündete bei der Stange halten. Moskau wirft London eine gezielte Desinformationskampagne vor. (apa,afp,reuters,dpa)