Das von Russland besetzte ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja ist erneut von der für die Kühlung der Brennstäbe wichtigen externen Stromversorgung abgeschnitten worden. Der ukrainische Kraftwerksbetreiber Enerhoatom teilte mit, dass am Samstag in der Früh die letzte verbliebene Hauptstromleitung "aufgrund eines erneuten Beschusses durch russische Truppen" beschädigt und unterbrochen worden sei.

Das bereits vor Wochen heruntergefahrene AKW sei vollkommen ohne Strom, wodurch automatisch Dieselgeneratoren angesprungen seien. Die Dieselvorräte reichten für zehn Tage eines solchen Notbetriebs, hieß es weiter. Die Stromleitungen müssten repariert werden.

IAEA fordert Schutzzone um Kraftwerk

Das größte Atomkraftwerk Europas war bereits im September für rund zwei Wochen vom ukrainischen Stromnetz abgeschnitten worden. Während der Unterbrechung lief die Stromversorgung über Notfall-Leitungen sowie über den letzten der sechs Reaktoren, der damals noch in Betrieb war. Anschließend wurde auch der letzte Reaktor aus Sorge vor einem Atomunfall heruntergefahren. Das Nuklearmaterial muss jedoch auch im abgeschalteten Zustand weiter gekühlt werden.

Die Fortsetzung des Beschusses, der die einzige externe Stromquelle des Kraftwerks treffe, sei "in höchstem Maße unverantwortlich", sagte der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Rafael Grossi, laut einer Mitteilung. Um das Kraftwerk müsse dringend eine Schutzzone errichtet werden. Darüber will Grossi nach eigenen Angaben mit Kiew und Moskau verhandeln.

Dieselreserven für zehn Tage

Laut der ukrainischen Nuklearaufsichtsbehörde reichen die vorhandenen Dieselvorräte für den Betrieb der Notstromdieselgeneratoren für zehn Tage aus, hieß es aus dem Klimaministerium in Wien gegenüber der APA. An der Wiederherstellung der externen Stromversorgung werde bereits gearbeitet. Erhöhte Messwerte bei dem etwa 1.300 km von Österreich entfernten AKW gebe es nicht. Auch seien keine Auswirkungen auf Österreich zu erwarten. Die Strahlenschutzabteilung des Klimaschutzministeriums verfolge aber die weitere Entwicklung und werde gegebenenfalls über Veränderungen informieren.

Russland kontrolliert das AKW faktisch seit Anfang März, als Moskaus Truppen im Zuge des Angriffskriegs große Teile der Südukraine besetzten. Das Kraftwerk ist in den vergangenen Monaten bei schweren Kämpfen mehrfach unter Beschuss geraten. Die Ukraine und Russland geben sich gegenseitig die Schuld. Russlands Präsident Wladimir Putin ordnete am Mittwoch an, das Kernkraftwerk im Zuge der völkerrechtswidrigen Annexion der besetzten ukrainischen Gebiete zu verstaatlichen. (apa)