Erstmals seit den frühen Kriegstagen im Februar hat Russland wieder die ukrainische Hauptstadt Kiew mit Angriffen im Visier. Am Montagmorgen wurde die Millionenstadt im Berufsverkehr von mehreren Explosionen erschüttert. Die Regierung in Moskau reagierte mit dem Raketenbeschuss offenbar auf die Explosion am Wochenende an der einzigen Brücke, die die annektierte ukrainische Halbinsel Krim mit dem russischen Kernland verbindet.

Nach ukrainischen Angaben sind bei den russischen Raketenangriffen auf mehrere Städte mindestens zehn Zivilisten ums Leben gekommen. Mindestens 60 Menschen seien verletzt worden, teilt die ukrainische Polizei mit.

Kreml-Chef Wladimir Putin hat die Raketenangriffe  als Reaktion auf die "Terroranschläge" gegen russisches Gebiet bezeichnet. Zugleich drohte der russische Präsident Kiew am Montag bei einer Sicherheitsratssitzung mit einer noch härteren "Antwort", sollten die "ukrainischen Angriffe" fortgesetzt werden.

Russische Vergeltungsmaßnahme: Kiew wurde am Montagmorgen Ziel von Raketenangriffen. 
- © reuters / Oleksandr Klymenko

Russische Vergeltungsmaßnahme: Kiew wurde am Montagmorgen Ziel von Raketenangriffen.

- © reuters / Oleksandr Klymenko

Nach der Angriffswelle, in deren Rahmen  mehr als 80 Raketen auf die Ukraine geschossen wurden, hat der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, Russland vorgeworfen, sein Land auslöschen zu wollen. "Sie versuchen, uns zu zerstören und uns vom Angesicht der Erde zu tilgen", erklärt Selenskyj über den Kurznachrichtendienst Telegram. "Russland tötet unsere Leute, die zu Hause in Saporischschja schlafen. Sie töten Menschen, die in Dnipro und Kiew zur Arbeit gehen.

Russland habe mit den landesweiten Raketenangriffen bewusst den größtmöglichen Schaden unter den Menschen anrichten wollen, sagte Selenskyj weiter. Die Energieinfrastruktur der Ukraine sei ins Visier genommen worden, so Selenskyj in einer Videobotschaft, die ihn vor seinem Präsidialamt in Kiew zeigt. "Das zweite Ziel sind die Menschen. Dieser Zeitpunkt und diese Ziele wurden speziell ausgewählt, um so viel Schaden wie möglich anzurichten", wirft er der russischen Führung vor. "Sie wollen Panik und Chaos, sie wollen unser Energiesystem zerstören." Selenskyj-Berater Andrij Jermak erklärte, die Raketenangriffe seien ein weiteres Signal an die zivilisierte Welt, dass die "russische Frage" mit Gewalt gelöst werden müsse. 

Telefonat mit Scholz und Macron

Selenskyj telefonierte am Montag mit dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Der Kanzler habe Selenskyj dabei die Solidarität Deutschlands und der anderen G7-Staaten zugesichert, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Montag in Berlin. Die G7-Staaten  berieten am Dienstagnachmittag in einer gemeinsam Videoschaltung mit Selenskyj.

US-Präsident Joe Biden verurteilte die russischen Raketenangriffe auf die Ukraine am Montag "aufs Schärfste" verurteilt. Sie zeigten einmal mehr "die äußerste Brutalität des illegalen Krieges" von Kremlchef Wladimir Putin gegen das ukrainische Volk, erklärte Biden. Die Angriffe bestärkten die US-Regierung darin, dem ukrainischen Volk beizustehen, so lange es nötig sei.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bezeichnete die russischen Angriffe als "Terror" gegen die Zivilbevölkerung. "Diese abscheulichen militärischen Aktionen bedeuten die völlige Missachtung des Völkerrechts und des Kriegsvölkerrechts", hieß es am Montagabend in einer gemeinsamen Stellungnahme von OSZE-Führungspersönlichkeiten. "Das einzige Motiv für diese brutalen und grausamen Taten ist das Verbreiten von Terror, um taktisches und strategisches Versagen zu kompensieren."

Auch aus dem Westen und dem Zentrum der Ukraine waren am Montagmorgen Explosionen gemeldet worden. Es habe Detonationen in Lwiw und Ternopil gegeben, meldeten ukrainische Medien. Betroffen sei auch Dnipro im Zentrum. Die ukrainische Stadt Saporischschja, in deren Nähe Europas größtes Atomkraftwerk liegt, war schon in der Nacht erneut mit Raketen beschossen worden. "Infolge eines Raketenangriffs im Zentrum von Saporischschja wurde erneut ein mehrstöckiges Wohnhaus zerstört", schrieb der Gouverneur der Region, Oleksandr Staruchin, in der Messaging-App Telegram. "Es gibt Verletzte."

Putin macht Ukraine für Krim-Brücke verantwortlich

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am Sonntag die Ukraine für die Explosion auf der Krim-Brücke verantwortlich gemacht. "Es gibt keinen Zweifel. Dies ist ein terroristischer Akt, der darauf abzielt, eine wichtige zivile Infrastruktur zu zerstören", sagte Putin in einem Video auf dem Telegram-Kanal des Kremls. Der Anschlag sei vom ukrainischen Geheimdienst geplant, ausgeführt und angeordnet worden. Am Samstag war es zu einer schweren Detonation auf der für Russland strategisch äußerst wichtigen Verbindungsbrücke vom Festland zur annektierten Halbinsel Krim gekommen. Dabei wurde die Brücke mit Straßen- und Zugverkehr erheblich beschädigt.

Die 19 Kilometer lange Brücke führt über die Straße von Kertsch, eine Meerenge zwischen dem Schwarzen und dem Asowschen Meer. Das Prestigeprojekt Putins war 2018 vier Jahre nach Russlands völkerrechtswidriger Annexion der Krim eröffnet worden. Für Moskaus Kriegseinsatz in der Ukraine spielt die Brücke eine entscheidende Rolle, denn über sie wird vom russischen Festland ein erheblicher Teil des Nachschubs für die Soldaten auf der Krim und in der größtenteils besetzten südukrainischen Region Cherson geliefert. Die Krim war in den vergangenen Monaten wiederholt Ziel ukrainischer Gegenangriffe. Unter anderem war dabei ein wichtiger Flugplatz getroffen worden.

Die ukrainische Regierung hat sich zu dem Angriff bisher nicht bekannt, hat aber offen Sympathien für die Tat erkennen lassen. Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew forderte den Tod der "Terroristen", die dafür verantwortlich seien. Das sei das, was die russische Bevölkerung jetzt erwarte, wurde Medwedew von der amtlichen Nachrichtenagentur Tass zitiert. Laut russischem Chefermittler Alexander Bastrjkin explodierte ein Lastwagen auf der Brücke. Das Fahrzeug sei zuvor in Bulgarien, Georgien, Armenien, Nordossetien und in der russischen Region Krasnodar unterwegs gewesen. Offensichtlich seien auch Russen und ausländische Staaten an der Planung beteiligt gewesen, sagte Bastrjkin.

Russische Truppen rückten weiter im Osten vor

In der Ost-Ukraine rückten die russischen Truppen britischen Angaben zufolge weiter auf die strategisch wichtige Stadt Bachmut vor. "Russland räumt seinen eigenen offensiven Operationen im zentralen Donbass-Sektor, insbesondere in der Nähe der Stadt Bachmut, weiterhin hohe Priorität ein", twitterte das Verteidigungsministerium in London im Rahmen seines täglichen Lageberichts. In der vergangenen Woche seien die russischen Streitkräfte bis zu zwei Kilometer auf Bachmut herangerückt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am Wochenende erklärt, dass ukrainische Truppen in der Nähe der Stadt in sehr schwere Kämpfe verwickelt seien. Bachmut liegt an einer Hauptstraße, die die Städte Slowjansk und Kramatorsk in der Industrieregion Donbass verbindet.

Auch in der russischen Region Belgorod an der Grenze zur Ukraine hat es am Montagmorgen Zeugen zufolge eine Explosion gegeben. Es sei ein lauter Knall zu hören gewesen, und die Fenster hätten gewackelt, sagt ein Zeuge. Der Grund für die Explosion war zunächst unklar. Russland hat im Zuge des Kriegs der Ukraine wiederholt vorgeworfen, die Grenzregion zu beschießen.

Putin-Sprecher kontert Schallenberg

Unterdessen weist der Kreml Vorwürfe aus Wien wegen der Bombardierung der ukrainischen Infrastruktur zurück. Österreich habe "wohl kaum das Recht", von Russland zu verlangen, den Raketenbeschuss der Ukraine zu beenden, so der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Dmitri Peskow, am Montagvormittag. Er reagierte damit auf eine Journalistenfrage, in der eine diesbezügliche Forderung des österreichischen Außenministers Alexander Schallenberg (ÖVP) referiert worden war.

"Österreich, wenn wir das richtig verstehen, hat die Ukraine nicht beschuldigt, Schläge auf kritische Infrastruktur in der Russischen Föderation auszuführen", begründete Peskow, ohne weitere Details zu nennen. "Also hat es kein Recht auf solche Aussagen." Er dürfte sich auf das Schweigen des offiziellen Österreichs zum Anschlag auf die Krim-Brücke am Samstag bezogen haben, für den Moskau die Ukraine verantwortlich macht. Der betroffene Teil der Brücke befindet sich nach österreichischer und europäischer Lesart freilich formal auf ukrainischem Staatsgebiet.

Außenminister Schallenberg selbst hatte nach massiven russischen Raketenbeschüssen zahlreicher ukrainischer Städte am Montagvormittag ein sofortiges Ende dieser Attacken gefordert. "Der russische Beschuss von ziviler Infrastruktur in Kiew und anderen Städten der Ukraine ist abscheulich und feig", schrieb er auf Twitter. (apa/reuters)