Als am 24. Februar 2022 die Panzer in Richtung Ukraine rollten, spielte der belarussische Oblast Gomel eine entscheidende Rolle. Von hier aus stießen die russischen Truppen mit starken Verbänden in Richtung Kiew vor, die Generäle in Moskau hofften die ukrainische Hauptstadt mit einer Art Enthauptungsschlag innerhalb von wenigen Tagen einnehmen zu können. 

Kämpfen mussten die Russen damals allerdings alleine. Der belarussische Langzeitmachthaber Alexander Lukaschenko gestattete seinem langjährigen Verbündeten Wladimir Putin zwar sein Land als Aufmarschgebiet zu nutzen, schickte  aber selbst dann keine Unterstützung als die Truppen des russischen Präsidenten vor Kiew immer mehr in die Defensive gerieten. Als die Russen den Vorstoß auf Kiew schließlich Ende März abbrachen, hatte noch immer kein belarussischer Soldat ukrainischen Boden betreten.

Doch mit dem Angriff auf die Krim-Brücke, für die der Kreml den ukrainischen Geheimdienst verantwortlich macht, könnte Lukanschenkos Abwarten an der Seitenlinie nun schon bald ein Ende haben. So will die Regierung in Minsk nach eigenen Angaben schon bald eine gemeinsame militärische Eingreiftruppe mit Russland einsetzen, um auf eine Verschärfung der Spannungen an den westlichen Grenzen des Landes zu reagieren. Dazu hätten beide Länder vor zwei Tagen damit begonnen, Kräfte zusammenzuziehen, sagte Lukaschenko am Montag laut der staatlichen Nachrichtenagentur Belta. 

Grund für den Schritt seien die wachsenden Spannungen an der Grenze zur Ukraine, sagte der 68-jährige Lukaschenko. Über inoffizielle Kanäle habe er erfahren, dass die Ukraine Angriffe auf das Territorium von Belarus plane. Man müsse daher darüber nachdenken, wie sich die Sicherheit des Landes erhöhen lasse.

Lukaschenko muss auf Stimmung Rücksicht nehmen

Ein belarussicher Kriegseintritt an der Seite Russlands ist damit deutlich wahrscheinlicher geworden. Für Lukaschenko hat sich die Ausgangslage seit Februar aber nicht wesentlich geändert. Denn nach wie vor muss Lukaschenko nämlich auf die Stimmung im Land Rücksicht nehmen, wenn er sich nicht wieder massive Probleme einhandeln will. "Seine augenblicklich noch vorhandene Unterstützung im Volk basiert darauf, dass seine Anhänger meinen, es sei ihm zu verdanken, dass sich Belarus nicht im Krieg befindet", sagte der weißrussische Politikwissenschafter Artjom Schraibman im Sommer gegenüber der "Wiener Zeitung". Umfragen zufolge sprechen sich 90 bis 95 Prozent der Belarussen gegen Truppenentsendungen in die Ukraine aus.

Unklar ist auch, ob der Einsatz der belarussischen Truppen die Lage auf dem Schlachtfeld verändern kann. Denn anders als die derzeitige ukrainische Armee ist die weißrussische alles andere als kampferfahren, sie ähnelt eher den ukrainischen Truppen aus der Zeit des gestürzten Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch. Die belarussischen Truppen könnten daher wohl maximal die ukranischen Einheiten in der Region um Kiew binden, und damit eine Verstärkung an den südlichen und östlichen Frontabschnitten verhindern.

Materiallieferant für russische Armee

Nach Information des deutschen Magazins "Spiegel" umfasst das belarussische Militär etwa 48.000 Soldaten, die Ausrüstung stammt hauptsächlich aus russischen Beständen und gilt als eher veraltet. So verfügt die weißrussische Armee über 500 T-72B-Panzer, die schlecht geschützt sind. Zudem besitzt Belarus über 70 Kampfjets. Unter anderen auch Jets des Typs MiG-29, Luftangriffe auf die Ukraine wären also möglich. Allerdings gibt es emotionale Barrieren, die beträchtlich sind. Immerhin liegen viele familiäre Verbindungen zwischen Ukrainern und Belarussen vor, es gibt zudem viele Freundschaften zwischen angehörigen beider Länder. Die Motivation, gegen die Ukrainer zu kämpfen, ist schon deshalb gering.

Nach Informationen des "Institute for the Study of War" (ISW) versucht die russische Armee seit dem Sommer, im Krieg in der Ukraine auf belarussische Rüstungsreserven zurückzugreifen. Der ukrainische Generalstab hatte auf Facebook erklärt, dass belarussische Streitkräfte Schützenpanzer aus Lagerstätten in Belarus nach Russland verlegten. Russland versuche so, die schweren Verluste im Kampf gegen die ukrainische Verteidigung ausgleichen, heißt es dem Bericht des ISW zufolge. Es liegen bereits zahlreiche Hinweise vor, dass die russische Armee an Materialmangel leidet.