Kwasi Kwarteng galt schon früh als Hoffnungsträger. Der Sohn ghanaischer Einwanderer, die in den 1960er Jahren als Studenten nach Großbritannien kamen, genoss in der Eliteschule Eton die gleiche Ausbildung wie die späteren und nun ehemaligen Premiers Boris Johnson und David Cameron, seine Bewunderer sahen in ihm einen "Visionär" und "brillanten Kopf", der genau weiß, was er will.
Als Kwarteng von Premierministerin Liz Truss als Finanzminister nominiert wurde, dürfte das alles aber nur eine Nebenrolle gespielt haben. Kwartengs Ernennung war vor allem ein Versprechen an die konservativen Brexiteers im Land. Der 47-Jährige, der 2012 in der viel beachteten Essaysammlung "Britannia Unchained" gegen aufgeblähte Staatsstrukturen und hohe Steuern zu Felde gezogen war, sollte seine Pläne nun an höchster Stelle in die Tat umsetzen.
38 Tage nach seiner Ernennung ist Kwarteng nun allerdings schon wieder Geschichte. Truss gab am Freitag dem Druck der Finanzmärkte, aber auch ihrer eigenen Partei nach und feuerte ihren Finanzminister. Die Märkte hatten im September auf Kwartengs Steuerpläne, die umfassende Steuersenkungen vor allem für Besserverdiener ohne eine Gegenfinanzierung vorsahen, überaus heftig reagiert. Das Pfund rauschte im Verhältnis zum US-Dollar in den Keller. Die Bank of England musste mehrmals intervenieren und Staatsanleihen kaufen, um deren Preisverfall auszuhalten und den Kollaps von Pensionsfonds zu verhindern. Steigende Zinsen für Immobilienkredite verschärften für viele Hausbesitzer die wegen der hohen Lebenshaltungskosten ohnehin schon angespannte finanzielle Lage.
Die Regierung zog daraufhin die geplante Abschaffung des Spitzensteuersatzes wieder zurück und kündigte nach einigem Zögern an, auch die Vorstellung des gesamten Budgetplans um einige Wochen vorzuziehen. Doch das beruhigte die Finanzmärkte bisher nur teilweise.

Hunt folg Kwarteng nach


Kwarteng nachfolgen wird nun Jeremy Hunt. Der frühere Außen- und Gesundheitsminister hatte sich im Sommer selbst um die Spitze der Konservativen Partei beworben, war aber nach wenigen Wahlgängen gescheitert. Während der Pandemie war der 55-Jährige einer der schärfsten Kritiker der Regierung gewesen. Im Vergleich zu vielen anderen Tory-Politikern gilt Hunt, der sich vor dem Referendum im Jahr 2016 gegen den Brexit ausgesprochen hat, aber eher als ausgleichend und pragmatisch.
Ob Truss mit der Entlassung ihres Schatzkanzlers ihre Position festigen kann, ist aber fraglich. Gegenwärtig sind nur noch 16 Prozent der Briten mit ihrer Amtsführung zufrieden, 64 Prozent haben dagegen kein Vertrauen mehr in die 47-Jährige. Und auch in der Konservativen Partei selbst gärt es massiv. Bei den Tories wird mittlerweile offen darüber diskutiert, ob Truss nicht abgesetzt werden soll, einige britische Medien gehen mittlerweile schon davon aus, dass die Premierministerin bereits in den kommenden Tagen aus dem Amt gedrängt werden könnte. Das Boulevard-Blatt "Daily Star" richtete sogar einen Livestream ein, in dem die Kamera auf einen Salatkopf gerichtet ist, um seine Leser dann zu fragen, ob die Premierministerin oder der Salat länger überdauern würde.
Truss wollte am Freitag allerdings nichts von einem Rücktritt wissen. In einer Rede nach Kwartengs Entlassung verteidigte die Premierministerin ihre Politik niedrigerer Steuern und hoher Investitionsanreize als richtig. Lediglich der Markt, den die Entscheidungen, die Steuern deutlich zu senken, irritiert hätten, sei der Grund, warum sie eine Kehrtwende einlege, sagte Truss. "Ich bin fest entschlossen, das zu halten, was ich versprochen habe."
Allerdings machte die Premierministerin auch ein neues Zugeständnis. So soll nun die Unternehmenssteuer doch nicht bei 19 Prozent eingefroren werden, wie das Kwarteng ursprünglich wollte, sondern im April auf 25 Prozent angehoben werden. Damit fließen umgerechnet 20,7 Milliarden Euro zusätzlich in die Staatskasse. n (rs/pn)

Der neue britische Finanzminister heißt Jeremy Hunt. 
- © apa / afp / Adrian Dennis

Der neue britische Finanzminister heißt Jeremy Hunt.

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