Die ukrainische Hauptstadt Kiew ist Montag früh mitten im Berufsverkehr erneut von russischen Luftangriffen getroffen worden. Auch aus anderen Regionen des Landes wurden Angriffe gemeldet. Es soll mehrere Todesopfer gegeben haben. In der Nacht und den ganzen Morgen sei das Land angegriffen worden, teilte Staatschef Wolodymyr Selenskyj am Montag mit. In Kiew sei ein Wohngebäude getroffen worden. Selenskyj verurteilte die Angriffe als Terror gegen die Zivilbevölkerung.

"Der Feind kann unsere Städte angreifen, aber er wird uns nicht brechen", schrieb Selenskyj im Nachrichtenkanal Telegram. Berichte über russische Angriffe gab es neben Kiew auch aus den Gebieten Sumy, Dnipropetrowsk und Odessa. Kremlnahe russische Militärblogger berichteten von einem Beschuss insbesondere der Energieinfrastruktur des Landes. Der ukrainische Innenminister Denys Monastyrskyj sprach laut Reuters von landesweit "einigen" Todesopfern.

In Kiew wurde der Luftalarm nach mehr als drei Stunden aufgehoben. Die Stadtverwaltung rief die Menschen am Montagvormittag dazu auf, dennoch weiter vorsichtig zu sein und im Falle von erneutem Alarm sofort Schutzräume aufzusuchen. Wie schon eine Woche zuvor war das Stadtzentrum von den Explosionen betroffen. Laut Bürgermeister Witali Klitschko wurde auch der belebte Innenstadtbezirk Schewtschenkiwskyj getroffen.

Aus einem getroffenen Wohnhaus seien bisher 18 Menschen gerettet worden, schrieb Klitschko auf Telegram. Eine Frau sei ums Leben gekommen, eine weitere Person sei noch unter Trümmern eingeschlossen, sagt Klitschko vor der Presse. "Alles, was hier geschieht, ist Terrorismus." Laut Klitschko hatte ein Drohnenangriff zu einer Explosion in dem Haus geführt.

Bahnchef Olexander Kamyschin berichtete auf Twitter von einem Einschlag unweit des Kiewer Hauptbahnhofs. Dabei habe es aber keine Opfer gegeben, schrieb er. In sozialen Netzwerken wurden Fotos von beschädigten und brennenden Gebäuden veröffentlicht.

Auch aus der Region Dnipropetrowsk wurde ein Raketeneinschlag gemeldet: In einer Energieanlage sei ein großes Feuer ausgebrochen, teilte der Gouverneur Waletyn Resnitschenko mit. Das Atomkraftwerk Saporischschja ist zudem nach ukrainischen Angaben erneut vom Stromnetz getrennt worden. Russische Truppen hätten abermals Umspannwerke in von der Ukraine kontrolliertem Gebiet beschossen, teilt das staatliche ukrainische Energieunternehmen Energoatom mit. Das AKW werde nun über Dieselgeneratoren versorgt.

Drohnen abgeschossen

Das ukrainische Militär hat seit Sonntagabend nach eigenen Angaben 37 russische Drohnen abgeschossen. Das seien um die 85 bis 86 Prozent der Drohnen, die bei den jüngsten Angriffen eingesetzt worden seien, teilte ein Sprecher der ukrainischen Luftwaffe mit. Das sei ein "ziemlich gutes Ergebnis". Der Sprecher fügte hinzu, dass sämtliche Drohnen vom Süden aus in die Ukraine eingeflogen seien.

Selenskyjs Stabschef Andrij Jermak sprach auf Telegram von Angriffen mit sogenannten Kamikaze-Drohnen. "Die Russen denken, dass es ihnen helfen wird", sagte Jermak, " es zeigt ihre Verzweiflung."

Der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podolja forderte als Konsequenz aus den Angriffen den Ausschluss Russlands aus der Gruppe der zwanzig führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) sowie aus anderen internationalen Gruppen. Wer Befehle erteile, kritische Infrastrukturen anzugreifen, um Zivilisten erfrieren zu lassen, und wer eine totale Mobilmachung organisiere, um die Frontlinien mit Leichen zu bedecken, dürfe nicht mit den Staats- und Regierungschefs der G20 an einen Tisch sitzen, schrieb Podoljak auf Twitter.

Schwere Angriffe auf Städte

Vor einer Woche hatte Russland mit Raketen ebenfalls zum Wochenbeginn im Berufsverkehr in der Früh das Zentrum von Kiew und zahlreiche andere Städte beschossen. Zuvor war es zu einer Explosion auf der Brücke zu der von Moskau annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim gekommen. Kremlchef Wladimir Putin hatte dem ukrainischen Geheimdienst einen "Terroranschlag" gegen die Brücke vorgeworfen - und dann die Raketen als Vergeltung abschießen lassen. Dabei starben mehr als ein Dutzend Menschen, mehr als 100 wurden verletzt.

Die Brücke, die über die Straße von Kertsch führt und die 2014 von Russland annektierte ukrainische Halbinsel Krim mit dem russischen Kernland verbindet, ist von großer Bedeutung für den Nachschub der russischen Truppen im Süden der Ukraine. Dass sie nun stark beschädigt ist, verschärft nach Einschätzung des britischen Geheimdienstes die Versorgungslage der russischen Truppen. Die Nachschubwege durch die Krim seien schwierig, die Lage der russischen Truppen in der gegenüberliegenden südukrainischen Region Cherson sei angespannt. Daher werde die Versorgung auf dem Landweg durch die Region Saporischschja immer wichtiger, twitterte das britische Verteidigungsministerium aus dem aktuellen Geheimdienstbericht. Die russischen Truppen in der Südukraine würden vermutlich jetzt ihren Nachschub über die Hafenstadt Mariupol verstärken.

Mehrere Fronten

Nach Angaben des Generalstabs der ukrainischen Streitkräfte beschossen russische Streitkräfte weiterhin ukrainische Stellungen an mehreren Fronten, darunter Städte in den Regionen Charkiw, Donezk und Cherson. Die schwersten Kämpfe fänden nördlich von Bachmut statt, schrieb der ukrainische Militärexperte Oleh Schdanow in der Nacht auf Montag im Internet.

Die ukrainischen Streitkräfte hätten in den vergangenen 24 Stunden russische Vorstöße auf die Städte Torske und Sprine zurückgeschlagen. "(Die Russen) haben beschlossen, durch Torske und Sprine zu ziehen." Die Frontlinie verschiebe sich ständig. "Unser Kommando verlegt Verstärkungen dorthin, Männer und Artillerie, um der russischen Überlegenheit in diesen Gebieten zu begegnen." (apa, reuters)