Der Morgen in Kiew begann ähnlich wie in den vergangenen Tagen. In das Geheul der Luftschutzsirenen mischte sich der charakteristische Motorlenärm der iranischen Shahed-136-Drohnen, gefolgt von Explosionsgeräuschen im ganzen Stadtgebiet. 26 unbemannte Luftfahrzeuge konnten von der ukrainischen Luftverteidigung abgeschossen werden, mehrere Drohnen fanden am Montag allerdings ihr Ziel. So wurde laut dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj neben der Energieinfrastruktur in der Hauptstadt auch ein mehrstöckiges Wohnhaus getroffen. Insgesamt dürften bei den russischen Angriffen auf Kiew und andere ukrainische Städte am Montag knapp zehn Menschen ums Leben gekommen sein.

Bis zu 700 Kilometer weit

Die Shahed-136-Drohnen, die der Iran in großen Stückzahlen an Russland geliefert hat, um die sich leerenden russischen Bestände an Marschflugkörpern und Kurzstrecken-Raketen aufzufüllen, könnten aber schon bald nicht mehr die größte Bedrohung für die Zivilbevölkerung in der Ukraine sein. So will der Iran laut einem Bericht der "Washington Post" offenbar auch schon bald wesentlich leistungsfähigere ballistische Mittel- und Kurzstrecken-Raketen an die russische Armee liefern.

Laut US-Sicherheitskreisen handelt es sich dabei um die Modelle Fateh-110 und Zolfaghar, die schon von den mit dem Iran verbündeten Huthi-Milizen im Jemen eingesetzt werden. Beide Raketentypen verfügen über eine Reichweite von 300 bis 700 Kilometer und sind deutlich zielgenauer als bisherige iranische Modelle. Die jüngsten Versionen verfügen zudem über eine optische Zielansprache, die es erlaubt, den Kurs der Rakete im Zielanflug noch manuell zu korrigieren. "Mit Boden-Boden-Raketen würde Russland nicht nur mehr Optionen, sondern auch wesentlich mehr Durchschlagskraft bekommen", sagt Farzin Nadimi vom Washingtoner Institut für Nahostpolitik gegenüber der "Washington Post".

Die Lieferung der für die ukrainische Luftverteidigung mit ihren derzeit verfügbaren Systemen nur schwer abzufangenden Raketen an Russland wäre die bisher weitreichendste Unterstützung des iranischen Regimes, das im eigenen Land durch die von den Frauen angeführten landesweiten Proteste immer stärker unter Druck gerät. Die Schützenhilfe für den Kreml hätte aber wohl auch Konsequenzen für Teheran. So hat die EU, die am Dienstag ein neues finanzielles Hilfspaket für Kiew und die Ausbildung von 15.000 ukrainischen Soldaten beschlossen hat, dem Iran bereits mit Sanktionen im Falle weiterer Militärhilfe gedroht.

Iron Dome könnte helfen

Dass der Erzfeind Iran zum wichtigsten Waffenlieferanten Russlands wird, dürfte aber auch zunehmend Israel auf den Plan rufen. Schon jetzt gibt es laut "New York Times" Hinweise darauf, dass die Regierung in Jerusalem, die wegen der großen russischstämmigen Community in Israel und den russischen Militäreinsätzen im benachbarten Syrien bisher eine klare Positionierung vermieden hat, die Ukraine mit Aufklärungsdaten versorgt. Für den Fall, dass der Iran weitreichende Raketen an Russland liefert, die dann auf dem Schlachtfeld erprobt und verbessert werden können, dürfte auch die israelische Zurückhaltung bei Waffenlieferungen an die Ukraine geringer werden. "Es gibt keinen Zweifel, wo Israel in diesem blutigen Konflikt stehen sollte", sagte der israelische Diaspora-Minister Nachhman Shai. "Nun ist die Zeit gekommen, um auch Militärhilfe zu schicken".

Unterstützen könnte Israel die Ukraine vor allem bei der Luftverteidigung gegen die langsam fliegenden iranischen Drohnen. Doch gerade das "Iron Dome"-System, dessen Abwehrraketen im jüngsten Gaza-Krieg 97 Prozent der anfliegenden Flugkörper abfangen konnten, will die Regierung in Jerusalem laut israelischen Sicherheitskreisen am wenigsten aus der Hand geben. (rs)