Die ukrainischen Streitkräfte treiben ihre Offensive gegen die russischen Invasionstruppen in der südlichen Region Cherson nach eigenen Angaben voran. Dort seien 43 russische Soldaten getötet und sechs Panzer sowie andere Ausrüstung zerstört worden, teilte das Militär am Donnerstag mit. Die Truppen rückten auch näher an die gleichnamige Regionalhauptstadt heran.

Am Mittwoch hatte die von Russland eingesetzte Verwaltung in Erwartung eines ukrainischen Angriffs eine Evakuierung in der besetzten Region und auch der strategisch wichtigen Stadt Cherson am Mündungsdelta des Dnjepr angeordnet. Trotz der ukrainischen Erfolge an der Front zeigen allerdings die russischen Luftangriffe im Landesinnern Wirkung: Zum ersten Mal seit dem russischen Einmarsch Ende Februar verhängte die Regierung nach zahlreichen Angriffen auf Kraftwerke kurz vor dem Wintereinbruch landesweite Beschränkungen für die Stromnutzung.

Eingeschränkte Stromversorgung

Die eintägige Einschränkung der Stromversorgung gelte von 07.00 bis 23.00 Uhr, teilten Regierungsvertreter sowie der Netzbetreiber Ukrenergo mit. Vorübergehende Stromausfälle seien möglich, wenn die Menschen ihren Stromverbrauch nicht minimierten, sagte ein Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Mit Beginn des kalten Wetters könne es noch häufiger zu Einschränkungen kommen, erklärte Ukrenergo. Russland hatte in den vergangenen Tagen seine Raketen-und Drohnenangriffe auf die ukrainische Strom- und Wasserversorgung verstärkt.

Selenskyj berichtete von neuen Schäden an kritischer Infrastruktur. Drei Energieanlagen seien zerstört worden, sagte er in seiner Videoansprache am Mittwochabend. "Wir gehen davon aus, dass der russische Terror so lange auf Energieanlagen gerichtet sein wird, bis wir mit Hilfe unserer Partner in der Lage sind, 100 Prozent der feindlichen Raketen und Drohnen abzuschießen", sagte Selenskyj. Er sollte im Tagesverlauf bei dem EU-Gipfel in Brüssel zugeschaltet werden. Dabei wollen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union die weitere Unterstützung der Ukraine erörtern. Es geht unter anderem um Hilfe bei der Wiederherstellung der Stromversorgung und eine langfristige Finanzierung des Wiederaufbaus.

Scholz: Unterstützung so lange wie nötig

Bundeskanzler Olaf Scholz sagte in seiner Regierungserklärung im Bundestag anlässlich des EU-Gipfels, die Sanktionen gegen Russland würden nicht infrage gestellt. "Bei diesem Kurs bleibt es, solange Russland seinen brutalen Angriffskrieg fortsetzt." Die Ukraine werde so lange unterstützt wie nötig.

Reuters-Reporter berichteten auch am Donnerstag von Drohnenangriffen. Fünf solcher Lenkwaffen seien in der südlichen Stadt Mykolajiw eingeschlagen. Einschlagsort und der verursachte Schaden waren aber zunächst unklar. Die Ukraine wirft Russland vor, vom Iran hergestellte "Kamikaze-Drohnen" vom Typ Schahed-136 einzusetzen. Der Iran bestreitet, diese Drohnen geliefert zu haben, Russland bestreitet, sie einzusetzen.

Die USA, Großbritannien und Frankreich brachten die mutmaßliche Drohnen-Lieferung durch den Iran an Russland bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates zur Sprache, wie das US-Außenministerium mitteilte. Der stellvertretende russische UN-Botschafter Dmitri Poljanski sagte, Russland werde seine Zusammenarbeit mit UN-Generalsekretär Antonio Guterres und seinen Mitarbeitern auf den Prüfstand stellen, wenn dieser Experten zur Untersuchung abgeschossener Drohnen in die Ukraine schicke. Poljanski stellte zudem infrage, eine Einigung mit Guterres in den Verhandlungen über die Verlängerung und Ausweitung des Abkommens über die Wiederaufnahme der ukrainischen Getreide-Exporte über das Schwarzen Meer zu erreichen. Der Pakt könnte nächsten Monat auslaufen. (reuters)