Von den Wettbüros ist zunächst einmal Rishi Sunak zum Favoriten erhoben worden. Penny Mordaunt, die am Freitag ihre Kandidatur bekannt gab, werden ebenfalls Chancen eingeräumt. Der Ex-Schatzkanzler und die gegenwärtige Ministerin für parlamentarische Angelegenheiten mühten sich am Freitag in Westminster eifrig um Stimmen bei ihren Fraktionskollegen im Unterhaus, um den Erwartungen zu entsprechen, die man in sie setzt.

Denn schon am kommenden Montag wollen Großbritanniens konservative Abgeordnete versuchen, die Nachfolge für die gestürzte Partei- und Regierungschefin Liz Truss zu regeln. Und die Latte für potenzielle Nachfolger liegt hoch.

100 Unterschriften braucht man, um überhaupt antreten zu dürfen. Das heißt bei 357 Abgeordneten, dass höchstens drei Bewerber ins Rennen gehen können. Und wer als Dritter im Bunde zu erwarten wäre, wenn es Sunak und Mordaunt am Montag an den Start schaffen würden: Darüber scheint sich mittlerweile die ganze Nation einig zu sein. Schon spricht alles vom "blonden Elefant im Raum" bei der Auswahl-Prozedur.

"Raten Sie mal, wer seinen Job zurück will!", frotzelte der Daily Mirror. "Boris Johnson plant ein sensationelles Comeback", tönte freudig die "Sun". "Ich kann die Partei bei den nächsten Wahlen vorm Untergang bewahren", zitierte der "Telegraph" seinen früheren Helden (und Kolumnisten). Die "Daily Mail" jubelte: "Es wird Boris vs. Rishi - ein Kampf um die Seele der Tory-Partei." Ein britischer Fernsehsender meldete, Johnson habe an seinem Urlaubsort in der Karibik "die Sandalen in die Ecke gekickt" und sich auf dem Heimweg gemacht, um mitzumischen.

Schockiert wurde diese Nachricht von all den Tories aufgenommen, die Johnson um keinen Preis zurückhaben wollen in Downing Street. Er solle um Himmels willen "wieder an den Strand gehen", riet der frühere Brexit-Minister David Davis dem Ex-Premier. Auch andere Abgeordnete hielten die Idee eines Comebacks des Politikers, der erst vor sechs Wochen in Schimpf und Schande aus der Regierungszentrale hatte ausziehen müssen, für "reinen Wahnsinn".

Falls Johnson zurück an die Macht käme, "säßen wir alle wieder genauso in der Patsche wie zum Zeitpunkt, als er sein Amt verlor", warnte der Tory-Veteran Crispin Blunt nachdrücklich. Nach all den Skandalen der Johnson-Ära könne man nicht einfach vergessen, was gewesen sei, wandte eine ganze Reihe von Tories ein.

Tatsächlich ist Meinungsumfragen zufolge der Respekt für Johnson in der Gesamtbevölkerung bisher sehr gering. Nur die Tory-Mitglieder haben ihren Glauben an ihn offenbar nicht verloren. An der Parteibasis sollen derzeit 32 Prozent für eine Rückkehr Johnsons eintreten und nur 23 Prozent die Wahl Sunaks unterstützen. Auf Mordaunt entfallen gerade mal 9 Prozent.

Und aus den Ortsvereinen kamen denn auch am Freitag die lautstärksten Rufe mit der Botschaft "Bring Back Boris". Viele Tory-Abgeordnete gaben an, dass sie diesen Wunsch bei Hausbesuchen in ihren Wahlkreisen immer wieder zu hören bekämen - und dass sie mit "zahllosen" Mails dieser Art eingedeckt worden seien.

Die Johnson-Verbündete und Ex-Ministerin Nadine Dorries begründete das damit, dass "Boris" eben "der bewährteste Wahlkämpfer im Lande" sei, eine "tolle Figur" für die Tories. Und dass er als einziger Politiker im Lande über ein bis Jänner 2025 gültiges Wählermandat verfüge. Partei-Insider und Kommentator Tim Montgomery bestätigte, dass Johnsons noch immer "sehr populär" sei unter Parteimitgleidern. Seine Rückkehr sei jedenfalls "eine echte Möglichkeit".

Die einstige Wählerkoalition ist zerbrochen

Die Frage ist freilich, ob ihm die Abgeordneten ausreichenden Rückhalt geben würden. Die 100 erforderlichen Stimmen für Montag könne Johnson zweifellos bekommen, meint Montgomery. Er könne es sogar auf 140 Stimmen bringen, sind Johnson-Anhänger überzeugt. "Richtig aufgeregt" sei er, ließ sich der Abgeordnete Sir Christopher Chope vernehmen: "Boris Johnson reitet zur Rettung des Landes herbei."

Kurzfristig erreichte das Fieber der Boris-Fans in London sogar das ferne Kiew, wo auf der offiziellen Webseite der ukrainischen Regierung dem Ex-Premier ein bisschen auf die Schulter geklopft wurde. Was der britische Oppositionsführer Sir Keir Starmer "etwas überraschend" fand.

Skeptiker argumentieren, die Zeiten hätten sich geändert und die Wählerkoalition von 2019 sei längst zerfallen, die Johnson damals seinen triumphalen Wahlsieg eingetragen habe. Pensionisten, Facharbeiter und sogar viele Brexit-Wähler sind seither tatsächlich zur Labour Party übergelaufen. Letzten Umfragen zufolge liegt die Tory-Partei jetzt bei 14 und Labour bei 53 Prozent.

Mehrere Tory-Abgeordnete haben denn auch angekündigt, dass sie ihre Mandate niederlegen oder sogar zu Labour übertreten würden, falls Johnson wieder ans Ruder komme. Außerdem steht noch das Urteil eines Unterhaus-Ausschusse aus zur Frage, ob Johnson das Parlament belogen hat oder nicht. Dieses Verdikt, das im Jänner erwartet wird, könnte einen neu gewählten Premierminister Johnson wenige Monate später schon wieder Amt und Würden kosten und die Partei in neues Chaos stürzen.

In dieser Situation löste der angesehene Verteidigungsminister Ben Wallace, eines der Schwergewichte der Partei, am Freitag beträchtliche Überraschung aus, als er bekannte, er "neige" zur Wahl von Boris Johnson.

Daisy Cooper, die Vizechefin der Liberaldemokraten, zeigte sich fassungslos. Sie könne, sagte sie, schlicht nicht glauben, dass die Konservativen ernsthaft daran denke, "Britanniens Berlusconi" nächste Woche zurück zu schicken in die Downing Street.