Der zweite Versuch war erfolgreich. Der britische Ex-Finanzminister Rishi Sunak, der sich noch vor wenigen Wochen in einer Abstimmung seiner Partei Liz Truss geschlagen geben musste, wird neuer Premier. Truss ist nach wenigen Wochen im Amt gescheitert - und ihr skandalträchtiger Vorgänger Boris Johnson, der Sunak hätte gefährlich werden können, ließ sich widerwillig davon überzeugen, dass er besser nicht sofort wieder auf den Chefposten zurückkehren sollte.

Sunkas verbliebene Konkurrentin Penny Mordaunt zog ihre Kandidatur am Montagnachmittag zurück, wenige Minuten vor Ablauf der Deadline, bis zu der die Kandidaten die Unterstützung mindestens 100 Parlamentarier benötigt hätten, um im Rennen um die Downing Street zu bleiben.

Damit bleibt Sunak der einzige Kandidat für den Premiersposten. Der 42-jährige Enkel indischer Einwanderer wäre der erste nicht-weiße Premierminister der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt. Und auch der erste gläubige Hindu in der Downing Street 10.

Wegen Rolle beim Rücktritt Johnsons umstritten

Zustimmung verschaffte ihm, dass er deutlich vor der Wirtschaftspolitik seiner Rivalin Truss gewarnt hatte: Ihr Programm sei ein "Märchen" und werde für Unruhen in der Finanzwelt sorgen, sagte Sunak. Genauso kam es, was das Vertrauen in den wirtschaftspolitischen Sachverstand des Ex-Ministers festigte.

Allerdings ist der 42-Jährige in der Partei etwa wegen seiner Rolle beim Rücktritt Johnsons umstritten. Sunak hatte Anfang Juli als Finanzminister seinen Hut genommen, woraufhin eine Serie von Rücktritten die Regierung erschütterte. Aus Sicht einiger Parteikollegen hatte Sunak damit Verrat an Johnson begangen.

Finanzhilfen verschafften Sunak Popularität

Der 1980 im südenglischen Southampton geborene Sohn eines Arztes und einer Apothekerin zog 2015 erstmals ins britische Unterhaus ein. Der frühere Tory-Vorsitzende und Außenminister William Hague bezeichnete Sunak als "außergewöhnlich". Den obligatorischen Treueeid zur britischen Krone schwor er auf die Bhagavad Gita, eine der zentralen Schriften des Hinduismus.

Im Februar 2020 übernahm Sunak, detailverliebter Aktenfresser und Brexit-Unterstützer der ersten Stunde, das Amt des Finanzministers - wenige Tage, bevor der Beginn der Corona-Pandemie die Welt veränderte. Er musste binnen kürzester Zeit ein Programm aus gigantischen Finanzhilfen erarbeiten. Das verschaffte ihm Popularität.

Heute heißt das Problem nicht mehr Corona. "Das Vereinigte Königreich ist ein großartiges Land, aber wir stehen vor einer tiefen Wirtschaftskrise", erklärte Sunak auf Twitter. Deshalb kandidiere er erneut für den Tory-Vorsitz und damit auch für das Amt des Regierungschefs. "Ich möchte unsere Wirtschaft in Ordnung bringen, unsere Partei einen und etwas für unser Land tun."

Verheiratet mit Milliardärstochter

In der Bevölkerung hat er allerdings mit einem Image als sagenhaft reicher Schnösel zu kämpfen, der kein Verständnis habe für die Sorgen der von rasant steigenden Lebenshaltungskosten getroffenen gewöhnlichen Briten. Während seiner früheren Tätigkeit als Banker hat Sunak ein stattliches Vermögen angehäuft, verheiratet ist er mit Akshata Murty, Tochter des indischen IT-Tycoons und Milliardärs Narayana Murty.

Im vergangenen Wahlkampf im Sommer trug Sunak beim Besuch einer Baustelle sündhaft teure Schuhe der Luxusmarke Prada. Zudem tauchte ein Video aus Sunaks Studienzeit auf, in dem der damals 21-Jährige über seinen Freundeskreis sagt, der bestehe aus "Aristokraten, Menschen aus der Oberklasse und, naja, aus der Arbeiterklasse" - und dann hinzufügt: "nee, aus der Arbeiterklasse nicht".

Besonders sauer stieß Wählern Umfragen zufolge zudem auf, dass Sunaks Frau Murty sich erst vor kurzer Zeit dazu durchrang, in Großbritannien Steuern auf ihre Gewinne als Infosys-Anteilseignerin zu zahlen. Angesichts der Vorbehalte besteht Sunak darauf, dass sowohl die Erfahrungen seiner eigenen Familie, als auch die seiner reichen Frau auf einer "sehr konservativen" Geschichte von harter Arbeit gründeten. (apa)