Russland vollzieht eine Kehrwende und beteiligt sich nach eigenen Angaben wieder an dem von ihm am Wochenende einseitig ausgesetzten Getreideexportabkommen mit der Ukraine. Das teilte das Verteidigungsministerium in Moskau am Mittwoch mit. Die Türkei bestätigte die Angaben. Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte, Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu habe zugesagt, dass Moskau ab Mittag wieder zu der Vereinbarung zurückkehren werde.

Russland und die Ukraine hatten sich unter Vermittlung der Vereinten Nationen (UN) und der Türkei im Sommer auf das Abkommen verständigt. Die Vereinbarung hatte es der Ukraine im vergangenen Vierteljahr ermöglicht, dass sie trotz des tobenden Kriegs per Schiff ihr Getreide durch einen Schutzkorridor im Schwarzen Meer exportieren konnte. Nach Drohnenangriffen auf seine Schwarzmeerflotte am Samstag setzte Russland jedoch seine Teilnahme aus und erklärte, man könne keine Sicherheitsgarantien mehr für die zivile Schifffahrt geben.

Zahlreiche Vorwürfe

Im Raum stand der Vorwurf, die Ukraine habe durch den Korridor Drohnen gelenkt und so die Attacken auf der Krim ausgeführt. Kiew hat weder bestätigt noch dementiert, für die Angriffe verantwortlich zu sein. Moskau forderte als Bedingung für eine Rückkehr zu dem Abkommen Zusicherungen der Ukraine, den Schutzkorridor nicht für militärische Zwecke zu nutzen. Dank der UN und der Türkei habe Kiew solche Garantien nun schriftlich abgegeben, hieß es in der Erklärung des russischen Verteidigungsministeriums. Das scheine vorerst auszureichen, so dass man sich wieder an der Umsetzung der Vereinbarung beteiligen könne.

Das Abkommen markierte einen der wenigen diplomatischen Erfolge in dem seit dem 24. Februar anhaltenden Krieg. Es soll den weltweiten Anstieg der Getreidepreise dämpfen, die vor allem ärmeren Ländern zu schaffen machen. Die Ukraine und Russland zählen weltweit zu den größten Getreideexporteuren, entsprechend haben ihre Lieferungen einen großen Einfluss auf die globale Lebensmittelpreisentwicklung.

Baerbock: Zusammenhalt zeigt Moskau Grenzen auf

Der jetzt vollzogene Schwenk folgte nach Gesprächen zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und seinem türkischen Kollegen Erdogan am Dienstag und anschließenden Beratungen ihrer jeweiligen Verteidigungsminister. Experte Andrej Sisow von der auf Russlands Agrarsektor spezialisierten Unternehmensberatung Sovecon sagte, die Wende sei überraschend früh eingetreten. Politik-Expertin Tatjana Stanowaja sagte, Putin habe sich wohl eingestanden, dass er die Lieferungen nicht blockieren könne. Am Montag und Dienstag legten trotz der Aussetzung des Abkommens Frachter von den ukrainischen Häfen ab mit zum Teil Rekordmengen an Getreide an Bord.

Bundesaußenminister Annalena Baerbock sagte dem Fernsehsender Welt, die Wiederaufnahme zeige, "wie stark der internationale Zusammenhalt ist und wie viel man auch in diesen fruchtbaren russischen Kriegszeiten gemeinsam erreichen kann, wenn man Haltung bewahrt und wenn man sich von Russland nicht erpressen lässt". Russland habe versucht, Hunger als Waffe einzusetzen. "Und da hat die Weltgemeinschaft unter der Rigide der Vereinten Nationen deutlich gemacht: Nein, wir glauben euren Lügen nicht, wir werden weiter Schiffe schicken, weil die Welt braucht dieses Getreide, damit die Ärmsten auf der Welt nicht auch noch unter diesem brutalen Angriffskrieg so massiv leiden müssen." (reuters)