Rettung kam aus der Luft. Per Hubschrauber wurden vier Menschen mit gesundheitlichen Problemen von Bord der "Ocean Viking" gebracht. Doch das Los der noch dort verbliebenen 230 Bootsflüchtlinge war zu dem Zeitpunkt noch unklar. Immerhin darf das Seenotrettungsschiff der Nichtregierungsorganisation SOS Mediterranee nun in Frankreich anlegen, verkündete die Regierung in Paris am Donnerstag. Die "Ocean Viking" war zuvor tagelang im Mittelmeer gekreuzt; die italienischen Behörden wiesen ihr keinen Hafen zu.

Daher erklärte sich Frankreich bereit, das Schiff in den Militärhafen von Toulon zu lassen - "ausnahmsweise", wie Innenminister Gerald Darmanin betonte. Italiens Verhalten bezeichnete er als "inakzeptabel" und "verantwortungslos", denn das humanitäre Schiff hätte den nächstgelegenen Hafen anlaufen müssen, und der wäre in Italien.

Zahl der Ankünfte steigt

Damit spitzt sich der Migrationsstreit zwischen Paris und Rom zu. Zwar sorgen die Debatten um die Verteilung von Asylsuchenden schon seit Jahren für Zwist unter den EU-Staaten - so pochen Italien und Spanien, wo viele Bootsflüchtlinge ankommen, darauf, dass andere Länder die Menschen aufnehmen. Doch ist die aktuelle Kritik in Paris an Rom besonders harsch. Und es bleibt nicht bei Worten: Frankreich setzt eine Vereinbarung aus, wonach es mehr als 3.500 Migranten übernehmen wollte, die in Italien gestrandet sind. Außerdem will es seine Kontrollen an der Grenze zum Nachbarland verschärfen.

Während die französische Rechtspartei Rassemblement National um Marine Le Pen der Regierung in Paris vorwarf, "dramatisch" weich bei der Immigration zu sein, will sich Italiens Premierministerin Giorgia Meloni hart geben. Der "Einwanderungsnotstand" sei eine europäische Angelegenheit, befand die Rechtsaußenpolitikerin. Wenige Tage zuvor hatte sie die Entscheidung der sizilianischen Gesundheitsbehörden kritisiert, mehr als 200 Menschen, die sich auf zwei weiteren Schiffen befanden, in Catania von Bord gehen zu lassen. Melonis Regierung bezeichnet die Seenotrettungsschiffe als "Taxis" für die Migranten und droht den Nichtregierungsorganisationen mit Geldstrafen.

Über die französischen Vorwürfe zeigte sich das italienische Kabinett irritiert. Die Kritik aus Paris sei "völlig unbegreiflich", konstatierte Darmanins Amtskollege, Innenminister Matteo Piantedosi. Immerhin habe Italien allein in diesem Jahr 90.000 Migranten aufgenommen.

Laut der EU-Grenzschutzbehörde Frontex versuchten zwischen Jänner und September mehr als 65.500 Menschen, über die zentrale Mittelmeerroute in die EU zu gelangen. Für die gesamte Union wurden in dem Zeitraum mehr als 228.200 irreguläre Grenzübertritte festgestellt, berichtete Frontex im Vormonat. Das sei der höchste Stand seit 2016.

Etwa die Hälfte der Menschen kamen demnach über die Westbalkanroute; das Mittelmeer war der am zweithäufigsten genutzte Weg. Auch die Zahl der Migranten, die versuchten, über den Ärmelkanal nach Großbritannien zu gelangen, ist laut Frontex gestiegen. Heuer waren es bis Ende September 52.700 Menschen und damit bereits mehr als im gesamten vergangenen Jahr.

Abkommen mit London

So fühlt sich auch die britische Regierung unter Druck, härter gegen illegale Migration vorzugehen. Nun möchte sie gemeinsam mit Frankreich nach Möglichkeiten suchen, die Ankünfte über den Ärmelkanal, der die beiden Länder voneinander trennt, einzudämmen.

Erst vor wenigen Tagen trafen einander der britische Premierminister Rishi Sunak und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron am Rande der Weltklimakonferenz in Ägypten - es war ihre erste Zusammenkunft, seit Sunak sein Amt übernommen hatte. Danach zeigte sich der Brite "optimistisch", dass gemeinsame Lösungen gefunden werden können. Sunaks Sprecher fügte später hinzu, dass sich die beiden Länder in der Endphase zum Abschluss eines Abkommens befinden. Einen genauen Termin für die Finalisierung gebe es aber noch nicht.(czar/reuters/apa)