Nach dem Raketeneinschlag im Osten Polens mit zwei Toten gibt es Hinweise darauf, dass es sich bei dem Geschoss um eine Flugabwehrrakete aus der Ukraine handelt. Dies teilte US-Präsident Joe Biden am Mittwoch bei einem Treffen mit anderen Staats- und Regierungschefs von Nato- und G7-Staaten auf Bali mit. Er soll demnach von einer Rakete des Systems S-300 gesprochen haben.

Zuvor war man in Polen davon ausgegangen, dass es sich um russische Raketen handelte. Bei dem Einschlag am Dienstag waren zwei Menschen ums Leben gekommen. Der polnische Hörfunk-Sender ZET berichtete, zwei verirrte Raketen seien in Przewodow nahe der Grenze zur Ukraine niedergegangen. Die Nachrichtenagentur AP meldete unter Berufung auf US-Geheimdienstkreise ebenfalls, bei dem Einschlag russischer Raketen seien zwei Menschen getötet worden.

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Polen versetzte daraufhin Regierungssprecher Piotr Muller zufolge sein Militär in erhöhte Bereitschaft. Es gehe dabei um bestimmte militärische Kampfeinheiten sowie die Kampfbereitschaft von Einheiten der uniformierten Dienste, sagte er, ohne weitere Einzelheiten zu nennen.

Zu dem Vorfall erklärte Muller, es habe eine Explosion gegeben, bei der zwei polnische Bürger ums Leben gekommen seien. Die Regierung prüfe, ob sie Artikel 4 der Nato-Charta in Kraft setzen müsse. Dieser besagt, dass die Nato-Mitglieder einander konsultieren, wenn etwa die Sicherheit eines Mitglieds bedroht ist.

Solidaritätsbekundungen aus Nato-Ländern

Der belgische Premier Alexander De Croo sicherte Polen die Unterstützung Belgiens zu. "Belgien steht an der Seite Polens. Wir sind alle Teil der Nato-Familie, die mehr denn je geeint und gerüstet ist, um uns alle zu schützen", schrieb er am Dienstagabend auf Twitter. Belgien verurteile den Vorfall aufs Schärfste und spreche den Familien der Opfer und dem polnischen Volk sein tiefstes Beileid aus.

Aufgestiegene Rauchwolken nahe der polnisch-ukrainischen Grenze. 
- © REUTERS

Aufgestiegene Rauchwolken nahe der polnisch-ukrainischen Grenze.

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Der geschäftsführende Außenminister Dänemarks, Jeppe Kofod, bezeichnete den Vorfall auf Twitter als sehr besorgniserregend. "Wir stehen in engem Kontakt mit Polen und unseren anderen Verbündeten in der Nato." Er betonte aber auch, man wisse noch nicht genau, was passiert sei. "Wir sind dabei, das gemeinsam mit unseren Verbündeten zu klären."

Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock schrieb: "Wir beobachten die Situation genau und stehen in Kontakt mit unseren polnischen Freunden und Nato-Verbündeten."

Russland spricht von "Provokationen"

Russland dementierte von Anfang an die Attacken. Es seien keine Schläge gegen Ziele nahe der polnisch-ukrainischen Grenze angegriffen worden, hieß es aus dem Verteidigungsministerium in Moskau. Die polnischen Angaben über einen Einschlag russischer Raketen auf polnischem Staatsgebiet wurden als bewusste Provokationen bewertet. Diese hätten das Ziel, die Situation zu eskalieren, zitierte die Nachrichtenagentur Interfax das Ministerium weiter.

Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki berief eine Sitzung des nationalen Sicherheitsrates ein. 
- © AFP / Ludovic MARIN

Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki berief eine Sitzung des nationalen Sicherheitsrates ein.

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Ministerpräsident Mateusz Morawiecki berief eine Sitzung des nationalen Sicherheitsrates ein, wie sein Sprecher auf Twitter mitteilte. Der Nachrichtenagentur PAP zufolge kam das Kabinett des Nato-Mitgliedslandes um späten Dienstagabend zusammen.

Pentagon prüft

Das Pentagon hatte erklärt, Berichte über den Raketeneinschlag prüfen zu wollen. Die Presseberichte seien dem Pentagon bekannt, sagte ein Sprecher in Washington. Zum jetzigen Zeitpunkt habe das Ministerium aber keine Informationen, die diese Berichte bestätigen könnten. "Wenn wir ein Update zur Verfügung stellen können, werden wir dies tun", sagte der Sprecher weiter.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj meinte in einer ersten Stellungnahme, dass er immer davor gewarnt habe, dass sich russische Aktionen nicht nur auf sein Land beschränken würden. Zudem versicherte er Warschau seine Solidarität zu und legte sich sodann fest, dass es russische Raketen gewesen seien, die polnisches Territorium getroffen hätten. Jetzt sei eine Reaktion der Nato gefordert, verlangte Selenskyj. (apa, dpa, reu)