Die dreitägige Trauer ist bis Samstag verhängt. Ausgerufen hat sie die ostpolnische Gemeinde Dolhobyczow, in der der Ort Przewodow liegt. Dort sind am Dienstag zwei Polen umgekommen, nach dem Einschlag einer Rakete, die aus der Ukraine kam. Die Fahnen wehen nun auf halbmast, die Internetseite der Gemeinde ist grau eingefärbt. Die Schule in Przewodow ist geschlossen, derzeit bieten Psychologen dort ihre Unterstützung an. Die Trauerphase sei "eine notwendige Entscheidung in dieser außergewöhnlichen Situation", teilte Gemeindevorsteher Grzegorz Drewnik der polnischen Nachrichtenagentur PAP mit.

Auch 24 Stunden nach dem Einschlag von Dienstagnachmittag war die Informationslage dürftig. Doch Polens Staats- und Regierungsspitze war um Beruhigung bemüht. Präsident Andrzej Duda ortete keinen Beweis für einen absichtlichen Angriff auf sein Land. Die Rakete sei zwar in Russland hergestellt, aber vielleicht nicht von dort abgefeuert worden. Premier Mateusz Morawiecki ergänzte, dass es möglicherweise nicht nötig sei, das Prozedere nach Artikel 4 des Nato-Vertrags in Gang zu setzen - also Konsultationen mit den Verbündeten der Militärallianz.

Kritik an Informationspolitik

In Dringlichkeitssitzungen davor war sehr wohl davon die Rede. Im Alarmzustand sind die polnischen Behörden seit Beginn des Ukraine-Krieges ohnehin. Warschau war schnell im Bereitstellen von Waffen für das Nachbarland, Polen hat Millionen Ukrainer aufgenommen. Aber mit dem Tod zweier polnischer Staatsbürger nimmt der Krieg hinter der Grenze noch weiter Gestalt an.

Doch seien die Reaktionen Polens und der Nato "beruhigend", meint Piotr Buras vom European Council on Foreign Relations (ECFR). Der Leiter des Warschauer Büros der Denkfabrik hebt in einem Kommentar hervor, dass die polnischen Behörden vorsichtig genug seien, sich nicht mit Anschuldigungen zu beeilen, bevor die Umstände geklärt seien. "Warschau hat zudem direkt seine Verbündeten kontaktiert und sofort Signale der Solidarität und Unterstützung erhalten", schreibt Buras. Dennoch sollte das Ereignis nicht heruntergespielt werden: Die zwei toten Menschen sind Opfer des russischen Kriegs in einem Nato-Land. "Es könnte weitere geben, wenn Russlands Aggression gegen die Ukraine eskaliert", konstatiert der Politologe.

Allerdings regte sich auch Kritik an der Informationspolitik der polnischen Regierung. Während am Dienstagabend in Warschau geheime Sitzungen abgehalten wurden, kamen Meldungen an die Öffentlichkeit über ausländische Nachrichtenagenturen. Daher sieht der Historiker und Politologe Antoni Dudek eine "riesige Informationsniederlage" der polnischen Behörden. Viele Menschen seien über die Nachricht entsetzt gewesen - hätte die Regierung früher informiert, "wäre das Gefühl der Panik vielleicht geringer gewesen", sagte Dudek der Zeitung "Rzeczpospolita".

Ukraine freigesprochen

Die Nato war am Mittwoch jedenfalls bemüht, die Lage zu deeskalieren. Nach einer Sondersitzung in Brüssel betonte auch Generalsekretär Jens Stoltenberg, dass man keine Erkenntnisse habe, dass der Raketenabschuss von Russland ausgegangen sei. Es sei wahrscheinlich, dass es sich um eine ukrainische Luftabwehrrakete gehandelt habe. Dieser Ansicht schließt sich auch Polen an.

Gleichzeitig spricht die Nato die Ukraine von jeglicher Schuld frei. Die Gefahr, dass der Vorfall zu einer unkontrollierbaren Eskalation zwischen Nato und Russland führt, scheint zunächst also gebannt. Das Verteidigungsbündnis hat mehrfach klar erkennen lassen, dass es an einer direkten Beteiligung an Kampfhandlungen in der Ukraine nicht interessiert ist. Es wird angenommen, dass dies auch Russlands Interesse ist.

Nur: Seit dem großflächigen Angriff auf die Ukraine kann sich dessen niemand zu 100 Prozent sicher sein. Und hier liegt die große Gefahr. Denn noch wenige Stunden, bevor der Angriff der Russen im Februar tatsächlich erfolgte, waren die meisten Experten der Ansicht, dass sich Präsident Wladimir Putin zu einem für ihn derart nutzlosen Schritt nicht hinreißen lassen würde. Er hat es dennoch getan und trägt nun alle, von Beginn an absehbaren negativen Konsequenzen. Niemand in der Nato vermag auszuschließen, dass sich der Kremlherr zu einer weiteren irrationalen militärischen Handlung hinreißen lässt. Eine Vertrauensbasis gibt es nicht - und das ist es, was die Lage so gefährlich macht. Es liegt nun allein bei der Nato, kühlen Kopf zu bewahren und jede Kurzschlussreaktion zu vermeiden. Diesmal scheint das gelungen zu sein.

Söldner und Schwerverbrecher

Es bleibt aber die Frage, was geschieht, wenn in Zukunft tatsächlich eine russische Rakete auf dem Territorium eines an die Ukraine grenzenden Nato-Landes einschlägt? Auch hier kommt es nicht automatisch zu einem Krieg zwischen der Nato und Russland, solange klar ist, dass es sich um ein Versehen und keinen gezielten Angriff handelt.

Allerdings rekrutierte Moskau auch Schwerverbrecher aus Gefängnissen für die dezimierte russische Armee. Die Söldner der Wagner-Gruppe sind so berüchtigt wie Kämpfer aus Tschetschenien unter dem Kommando ihres skrupellosen, zuletzt zum Generaloberst beförderten Präsidenten Ramsan Kadyrow. Wer garantiert, dass eine solche Einheit nicht absichtlich Nato-Territorium angreift, auch gegen den Willen Moskaus? Der Vorfall in Polen zeigt, dass das Risikopotenzial im Ukraine-Krieg groß ist und mit dessen Dauer eher noch zunimmt.