Brüssel. Mehrere Bomben, 32 Tote und hunderte Verletzte - die islamistischen Anschläge in Brüssel im Jahr 2016 haben sich tief in das Gedächtnis Belgiens eingegraben. Sechseinhalb Jahre nach den Gräueltaten beginnt am heutigen Mittwoch in der belgischen Hauptstadt der Prozess gegen zehn Angeklagte. Es ist der größte Prozess vor einem Schwurgericht, der jemals in Belgien stattfand.

Zu den Hauptbeschuldigten zählt der Islamist Salah Abdeslam, der bereits im Juni in Frankreich wegen seiner Beteiligung an der Vorbereitung der Pariser Anschläge vom November 2015 mit 130 Todesopfern zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Abdeslam ist das einzige überlebende Mitglied des Pariser Terrorkommandos. In den Monaten danach tauchte er in Brüssel unter und nahm an den konspirativen Treffen der übrigen Mitglieder der Dschihadisten-Zelle teil.

Die Selbstmordanschläge in der belgischen Hauptstadt wurden überstürzt verübt, denn vier Tage zuvor wurde Abdeslam festgenommen. Eigentlich hatte die Zelle Pläne für Anschläge auf die Fußballeuropameisterschaft im Sommer in Frankreich, doch dazu kam es nicht.

Am Morgen des 22. März sprengten sich zwei der Extremisten in der Abfertigungshalle des Brüsseler Flughafens Zaventem in die Luft. Ein weiterer zündete in der U-Bahn-Station Maelbeek eine Bombe. 32 Menschen starben und 340 weitere Personen wurden verletzt. Wie in Paris reklamierte auch dieses Mal die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) die Anschläge für sich.

Auf der Brüsseler Anklagebank werden nun neun Männer erwartet, unter ihnen Abdeslam und dessen Kindheitsfreund Mohamed Abrini. Der Kopf der Gruppe, Oussama Atar, wird als zehnter Angeklagter in Abwesenheit der Prozess gemacht; es wird vermutet, dass er in Syrien zu Tode gekommen ist.

Der Prozess hätte eigentlich im Oktober beginnen sollen. Aber Mitte September hatten sich mehrere Angeklagte geweigert, in einem in Zellen unterteilten Panzerglas-Kasten Platz zu nehmen. Die Anwälte kritisierten, ihre Mandanten würden darin wie Tiere zur Schau gestellt. Die vorsitzende Richterin Laurence Massart ordnete den Umbau an. Die Umgestaltung der Anklagebank in einen Glaskasten ohne Zwischenwände verzögerte den Prozessbeginn um fast zwei Monate.

Prozess bis Juni

Die Reihen der Opferangehörigen werden gut gefüllt sein. Mehr als tausend Menschen meldeten sich laut Staatsanwaltschaft als Nebenkläger. Der unter hohen Sicherheitsvorkehrungen im früheren Nato-Hauptsitz stattfindende Prozess ist bis Juni kommenden Jahres angesetzt.

"Ich erwarte nicht wirklich viele Antworten", sagt die Nebenklägerin Sandrine Couturier. Aber sie will im Gerichtssaal den Angeklagten gegenübertreten. "Ich will mich mit dem konfrontieren, was Menschen fähig sind zu tun. Ich muss akzeptieren, dass nicht jeder ein guter Mensch ist." Couturier stand in der U-Bahn-Station Maelbeek am Gleis, als der Attentäter in einem U-Bahn-Waggon den Sprengstoff zündete. Auch sechseinhalb Jahre danach hat sie mit den Traumata zu kämpfen. Sie klagt über Gedächtnisverlust und Konzentrationsprobleme. Am heutigen Mittwoch beginnt die Anhörung mit der Bildung der aus Bürgern bestehenden Jury. In Belgien werden terroristische Straftaten noch immer von zwölf Bürgern beurteilt. Die eigentliche Verhandlung soll am 5. Dezember eröffnet werden. (afp)