Nach mehrtägigen Streiks bei Eisenbahn und Post hat die gegenwärtige Welle der Arbeitskämpfe in Großbritannien nun auch das Nationale Gesundheitswesen, den National Health Service (NHS), erreicht. Am Donnerstag legten 100.000 Krankenschwestern und Pfleger für 24 Stunden den Klinikbetrieb in weiten Teilen Englands, in Wales und in Nordirland lahm.

Es war der erste Streik überhaupt in der mehr als hundertjährigen Geschichte des Royal College of Nurses, der Gewerkschaft des Pflegepersonals im Vereinigten Königreich, die für ihre Mitglieder "faire Bezahlung" fordert. Ein zweiter Streik ist auf nächsten Dienstag festgesetzt. Das Royal College hat bereits keinen Zweifel daran gelassen, dass es nach Weihnachten zu weiteren und immer häufigeren Arbeitsniederlegungen kommen wird, solange sich die Regierung weigert, in Tarifverhandlungen einzutreten.

Eine zusätzliche Verschärfung der Lage dürfte der für nächsten Mittwoch geplante Streik der Ambulanzfahrer bringen. Polizei, Militär und Taxifahrer bereiten sich auf die Übernahme von Rettungseinsätzen und Krankentransporten vor. Auch anderes Klinikpersonal - Techniker, Portiere, Catering-Teams, Büroangestellte und Assistenzärzte - erwägt Streikmaßnahmen. Damit kündigen sich noch härtere Zeiten für das bereits schwer angeschlagene britische Gesundheitswesen an. Schon bisher müssen sich Patienten in der Notaufnahme oft stundenlang gedulden, bis ihnen Hilfe zuteilwird. Millionen Patienten warten monatelange auf Operationen und spezielle Behandlungstermine, weil der NHS dem Bedarf nicht nachkommt.

Durch die beiden Streiktage müssen laut Regierung 70.000 weitere Klinik- und OP-Termine gestrichen werden. "Lebensnotwendige Dienste" wie Dialyse, Chemotherapie oder andere Arten von Krebsbehandlung bleiben auch während der Streiks erhalten. Der "Normalbetrieb" wird jedoch auf einen Notdienst herabgestuft.

Premier bietet vier Prozent

"Schweren Herzens" habe sich ihre Organisation zu den Kampfmaßnahmen entschlossen, erklärte dazu Pat Cullen, die Generalsekretärin des Royal College of Nurses. Aber die finanzielle Notlage, die permanente Überforderung und die massenhafte Abwanderung von Krankenschwestern und Pflegern habe ihren Mitgliedern "keine andere Wahl" gelassen jetzt. Die Forderung einer 19-prozentigen Lohnerhöhung begründet Cullen damit, dass der Reallohn britischer Krankenschwestern schon in den vergangenen zehn Jahren um einen entsprechenden Prozentsatz gefallen sei. Mittlerweile, da die Inflation bei knapp elf Prozent liege, könne ein Großteil des Pflegepersonals die täglichen Lebenshaltungskosten nicht länger bestreiten. Und die Regierung weigere sich, in Verhandlungen mit den Gewerkschaften auch nur einzutreten. Premierminister Rushi Sunak zieht sich derweil auf das Argument zurück, dass eine Anhebung der Löhne um mehr als vier Prozent nicht zu finanzieren sei, da die Regierung sich auf die Inflationsbekämpfung konzentrieren müsse. Dieses Argument haben viele britische Experten inzwischen allerdings verworfen.

Auch prominente Konservative drängen die Regierung, wenigstens das Gespräch zu suchen. Sir Jake Berry, der jüngst noch Tory-Parteipräsident war, geht davon aus, dass die Regierung ihr Angebot "um eine ganze Menge" erhöhen müsse, um zu einer Lösung zu kommen.

Von der schottischen Regierung, die ihren Teil des NHS eigenständig verwaltet, ist den dortigen Krankenschwestern und Pflegern eine Lohnerhöhung von 7,5 Prozent angeboten worden. Da die NHS-Mitarbeiter dieses Angebot in Erwägung ziehen, finden keine Streiks an schottischen Kliniken statt.

Unterdessen setzt sich die Streikwelle in immer mehr Bereichen fort. Grenzbeamte, Gepäckabfertiger im Flughafen Heathrow, Fahrprüfer, Feuerwehrleute, Hochschuldozenten und Lehrer haben ebenfalls Streiks angekündigt oder stimmen darüber ab.