Boris Johnson neigt nach allgemeiner Einschätzung eher wenig zur Nachdenklichkeit. Doch in seiner Videobotschaft zu Weihnachten zeigte sich der britische Ex-Premier ganz besinnlich. Man solle dankbar sein für das, was man habe, sagte er da: die Pandemie so gut wie bewältigt, auch dank einer großartigen Impfkampagne, und die Arbeitslosigkeit auf rekordverdächtig niedrigem Niveau.

Dass dies dieselben Punkte sind, für die sich Johnson während seiner Regierung stets gelobt hatte, verwunderte niemanden. Der konservative Politiker dürfte seine Errungenschaften nicht zufällig erwähnt haben: Experten halten Johnsons Rückkehr an die politische Spitze 2023 für möglich.

"Unerwartete Pause" in seiner Karriere

Der 58-Jährige tut wenig, um Gerüchte um ein ähnliches Comeback, wie es einst seinem Vorbild Winston Churchill gelang, abzuschwächen. In der konservativen Zeitschrift "Spectator" nannte Johnson die derzeitige Phase jüngst eine "unerwartete Pause" in seiner Karriere. Das passt zu dem studierten Historiker, der sich bei seiner Rücktrittsrede mit einem römischen Machthaber verglichen hatte: "Wie Cincinnatus kehre ich auf meinen Acker zurück", sagte Johnson im Juli. Lucius Quintus Cincinnatus (519-430 v. Chr.) war nach erfolgreicher Schlacht zur Feldarbeit zurückgekehrt - übernahm aber erneut die Alleinherrschaft, als er darum gebeten wurde.

Dass er damals nach einer Reihe von Skandalen - mit der "Partygate"-Affäre als Höhepunkt - von seiner eigenen konservativen Fraktion aus dem Amt gejagt wurde, hat Johnson nie verdaut. Gerade an der Parteibasis ist der charismatische Populist weiter sehr beliebt, wie auch der Politologe Mark Garnett im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) sagte. Er ist überzeugt, dass Johnson sich in einer Stichwahl unter den Mitgliedern gegen Rishi Sunak durchgesetzt hätte.

Doch der Ex-Premier zog zurück, Sunak wurde ohne Wahl zum neuen Partei- und dann auch Regierungschef. Was Johnson zum überraschenden Verzicht bewog, obwohl er die notwendige Zahl von Wahlmännern in der Fraktion hatte, ist noch immer Anlass für Spekulationen. Glaubte er doch nicht an einen Sieg der Tories bei der nächsten, für 2024 geplanten Parlamentswahl? Wollte er erst einmal ausreichend Geld einnehmen, um seinen luxuriösen Lebensstil fortsetzen zu können?

Millionen-Honorare als Redner

Als Premier hatte Johnson, der in dritter Ehe verheiratet ist und mindestens eine außereheliche Tochter hat, wiederholt geklagt, er verdiene weniger denn in seiner Zeit als Kolumnist und Autor. Dies dürfte sich geändert haben. Wie aus dem Register über die Nebeneinkünfte der Abgeordneten hervorgeht, kassierte Johnson seit seinem Auszug aus der Downing Street im September als Redner bereits mehr als eine Million Pfund (aktuell 1,14 Mio. Euro) an Honoraren. Medienberichten zufolge sucht er mit Ehefrau Carrie und den Kindern Wilfred und Romy derzeit ein Haus im feinen Londoner Bezirk Fulham.

"Es schadet Johnsons Verdienstpotenzial kaum, dass er als Führungskraft in den Startlöchern gesehen wird", sagte Experte Garnett. "Wenn die Konservative Partei bei den Kommunalwahlen im Mai besonders schlecht abschneidet, werden die Gerüchte lauter - und die Versuchung könnte einfach zu groß werden, als dass der impulsive Politiker Johnson widerstehen könnte."

Im Parlament hat Johnson noch Freunde, die Amtsinhaber Sunak äußerst kritisch sehen. Ein Tory-Abgeordneter sagte der konservativen Zeitung "Daily Express": "Boris hat der britischen Politik noch viel zu geben." Ähnlich äußerte sich ein früherer Berater Johnsons, der ebenfalls ungenannt blieb: "Er ist nicht der Typ, der zusieht, wie Großbritannien kontrolliert zugrunde geht."

Sitz in Wahlkreis Uxbridge

In den vergangenen Wochen zeigte sich Johnson wiederholt in seinem Londoner Wahlkreis Uxbridge. Ein gutes Dutzend Tory-Abgeordneter hat bereits angekündigt, 2024 nicht mehr anzutreten. Der Ex-Premier aber will um seinen Sitz kämpfen. Häufig betont er seine außenpolitische Expertise und ruft immer wieder zur Unterstützung der Ukraine auf - bereits als Regierungschef zeigte sich Johnson als einer der engsten Verbündeten des Landes im Krieg gegen Russland.

Für den amtierenden Premier Sunak, den Johnsons Anhänger für dessen Sturz verantwortlich machen, bleibt sein Vor-Vorgänger damit gefährlich. Zwar mahnen Experten zur Zurückhaltung. "Die Begründung, ihn so bald nach seinem erzwungenen Rücktritt zurückzuholen, beruht fast ausschließlich auf seinem Potenzial, Stimmen zu gewinnen", sagt Experte Garnett. Aktuellen Umfragen nach dürften die Tories auch mit Johnson die Parlamentswahl krachend verlieren.

Doch aus der Partei selbst heraus werden Rufe nach dem "Retter" Johnson bereits erwartet. Dies werde geschehen, sobald die Lage richtig brenzlig sei und die Abgeordneten um ihre Mandate fürchten, sagte Ex-Generalsekretär Jake Berry in einem Podcast. "Ich denke, dass Boris zurückkehren wird", sagte Berry. "Er ist so etwas wie die Geliebte der Konservativen Partei – das weiß er. Die verlockende andere Frau. Der König über dem Meer." (apa/dpa)