Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in einer ungewöhnlich unpolitischen Videobotschaft an die Menschlichkeit seiner Mitbürger appelliert. "Egal, was passiert und was euch beschäftigt, unterstützt euch gegenseitig, unbedingt", bat Selenskyj Mittwochabend in seiner täglichen Videoansprache. Am Donnerstagfrüh wurden neue Raketenangriffe gemeldet. Der Berater im Präsidentenbüro, Mychajlo Podoljak, sprach von mehr als 120 Raketen.

Sie seien von der "bösen russischen Welt" abgeschossen worden, um die wichtige Infrastruktur zu zerstören und massenhaft Zivilisten zu töten, schrieb Podoljak im Kurznachrichtendienst Twitter. Zuvor hatte Präsidialamtsberater Olexij Arestowytsch mitgeteilt, dass die russischen Streitkräfte mehr als 100 Raketen abgefeuert hätten. Im ganzen Land gebe es Luftalarm.

Explosionen auch in Kiew

In mehreren Städten waren Explosionen zu hören, auch in Kiew gab es schwere Explosionen im Zentrum der Hauptstadt. 40 Prozent der Haushalte in Kiew sind nach Angaben von Bürgermeister Witali Klitschko ohne Strom. Die Energieversorger hätten wegen des Luftalarms Sicherheitsvorkehrungen getroffen, sie arbeiteten nun daran, die Stromversorgung wieder herzustellen, teilte Klitschko am Donnerstag mit. Die Wärme- und Wasserversorgung funktioniere normal. Nach Behördenangaben wurden am Morgen 16 Raketen abgeschossen. Drei Menschen wurden demnach verletzt, darunter ein 14-jähriges Mädchen.

Auch aus Charkiw in der Ostukraine wurden Explosionen gemeldet. Der Bürgermeister von Charkiw, Ihor Terechow, erklärte, man untersuche was genau getroffen worden sei und ob es Opfer gebe. Gemeldet wurden Explosionen etwa auch aus den Gebieten Poltawa, Odessa, Mykolajiw und Lwiw. In den Regionen Odessa und Dnipropetrowsk wurden Stromausfälle angekündigt, um mögliche Schäden an der Energieinfrastruktur zu minimieren. Russland hat in den vergangenen Wochen gezielt die Energie- und Wasserversorgung in der Ukraine angegriffen.

Diese inzwischen zehnte Welle seit Oktober war noch vor Jahresende erwartet worden. Die Behörden forderten die Menschen auf, dringend Schutz zu suchen in Bunkern.

Das russische Verteidigungsministerium rühmte sich indes auf sozialen Netzwerken mit der Masse eigener Lenkwaffen. "Die Kalibr gehen niemals aus", teilte die Behörde am Donnerstag in ihrem Telegram-Kanal mit. Illustriert ist der Spruch mit einer abgefeuerten Rakete. Die "Kalibr" sind Mittelstreckenraketen, die Russland von Schiffen aus dem Schwarzen und Kaspischen Meer auf Ziele in der Ukraine abfeuert.

Neue Angriffswelle

Die Aggressoren hatten bereits am Mittwochabend eine neue Angriffswelle mit Kamikaze-Drohnen auf die Ukraine gestartet. Die Drohnen seien gegen verschiedene Ziele im Süden und Osten des Landes gerichtet, teilte die Befehlsstelle der ukrainischen Luftabwehr Süd auf Facebook mit. In der Region Dnipro seien fünf Drohnen abgeschossen worden. In der Früh hieß es vom Generalstab, dass im Raum Charkiw elf von 13 iranischen Drohnen abgeschossen werden konnten. Sie seien gegen die Energieinfrastruktur gerichtet gewesen.

Einflug von Drohnen in mehreren Gruppen wurde auch aus der Region Donezk und Saporischschja gemeldet. Beobachter berichteten zudem von Flügen in Richtung Odessa. Nach Berichten der ukrainischen Agentur UNIAN wurden zahlreiche unbemannte Fluggeräte abgeschossen. Zuletzt hatte das russische Militär die Kamikaze-Drohnen aus iranischer Produktion gegen die Energieinfrastruktur der Ukraine eingesetzt. Dabei wurde die Versorgung mit Wasser und Strom landesweit schwer in Mitleidenschaft gezogen.

London: Russland hat Schwierigkeiten

Der mutmaßliche ukrainische Drohnenangriff auf einen russischen Militärflugplatz zeigt nach britischer Einschätzung die Verwundbarkeit der russischen Luftverteidigung. Es werde immer deutlicher, dass Russland Schwierigkeiten habe, Angriffe tief im Landesinneren abzuwehren, teilte das Verteidigungsministerium in London am Donnerstag mit. Das liege vermutlich daran, dass moderne Flugabwehrsysteme wie SA-22 Panzir derzeit rar seien. "Neben der Verteidigung strategischer Standorte wie Engels werden diese Systeme derzeit in großer Zahl benötigt, um die Hauptquartiere nahe der Frontlinie in der Ukraine zu schützen", hieß es unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse. Bei der Drohnenattacke auf den Militärflugplatz Engels in Südrussland Hunderte Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt waren am 26. Dezember nach russischen Angaben drei Soldaten getötet worden.

Selenskyj rief die Ukrainer auf, sich in Notlagen gegenseitig zu helfen. "Wenn Sie wissen, dass jemand einen Sohn oder eine Tochter aus dem Krieg erwartet, passen Sie bitte auf: Sagen Sie Hallo, hören Sie zu, helfen Sie", sagte der ukrainische Staatschef. "Umarmen Sie Ihre Familie öfter." Auch nette Worte zu Kollegen oder Freunden seien angebracht. "Bedanke dich öfter bei deinen Eltern, freue dich öfter mit Kindern." Wichtig sei auch, den Kontakt zu Freunden und Angehörigen nicht zu verlieren. Ein wenig politisch wurde Selenskyj am Ende seiner Ansprache dann doch: "Beschützen Sie die Ukraine, schätzen Sie einander und tun Sie alles, um unseren Soldaten zu helfen." (apa, dpa, reuters)