Sie greifen an, rücken vor, geben nicht nach: Hinter der Front in Kreminna, einer strategisch wichtigen und von russischen Truppen kontrollierten Stadt im Osten der Ukraine, kämpfen ukrainische Soldaten hartnäckig um jeden Zentimeter Land. "Wir kämpfen jeden Tag gegen sie, bei jedem Wetter", sagt ein 24-jähriger ukrainischer Soldat mit Rufnahmen "Kulak". Sie würden den Feind immer wieder in Richtung Kreminna angreifen, sagt er. Aber es sei nicht einfach.

Seine Leute hätten zwar "ein paar Erfolge" vorzuweisen, sagt Kulak. Aber der Feind gebe nicht auf. "Sie sind gut, sie sind zäh", sagt Kulak in Jampil, einem Dorf 30 Kilometer westlich von Kreminna. Die ukrainischen Truppen haben Jampil Ende September in einer großangelegten Offensive zurückerobert.

Hier wimmelt es nur so vor Militärfahrzeugen. In dem weitgehend zerstörten Dorf gibt es rund zehn Monate nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine fast so viele Soldaten wie Zivilisten. Die russische Artillerie ist hörbar nah.

Nachschubweg abschneiden

Auf einem Feld hinter halbverlassenen Häusern sind Soldaten damit beschäftigt, zwei Panzer zu warten, die sie "Natalia" und "Salvador" getauft haben. Sie haben sie beim Rückzug der russischen Armee erbeutet.

"Wenn wir Kreminna befreien, werden wir den Russen den Nachschubweg nach Rubischnje, Sewerodonezk und Lyssytschansk abschneiden", sagt ein Soldat namens Wlad mit Blick auf andere besetzte Städte in der Region. Der Kiewer will sich nicht mit den russischen Gebietsgewinnen abfinden. "Wir wollen sie zurückdrängen, es hinter uns bringen", sagt er. Kreminna liegt im Osten der Region Luhansk - neben Donezk, Cherson und Saporischschja eine von vier Regionen im Süden und Osten der Ukraine, die Moskau im September für annektiert erklärt hat. Die Stadt ist in den vergangenen Tagen Schauplatz heftiger Kämpfe geworden.

Regionalgouverneur Serhij Gajdaj verbreitete in den vergangenen Tagen ermutigende, wenn auch widersprüchliche Nachrichten. Die ukrainischen Truppen seien innerhalb einer Woche zweieinhalb Kilometer in Richtung Kreminna vorgerückt, schrieb er am Donnerstag auf Telegram. Einen Tag zuvor hatte er erklärt, die Russen hätten Verstärkung geschickt, sich zugleich jedoch zuversichtlich bezüglich einer Rückeroberung Anfang nächsten Jahres gezeigt.

Nach Angaben der US-Denkfabrik Institute for The Study of War (ISW) vom Mittwoch bereiten sich die russischen Streitkräfte in der Region Luhansk "offenbar auf einen entscheidenden Einsatz vor". Es sei jedoch "nicht klar, ob es sich dabei um defensive oder offensive Einsätze handelt".

"Ohrenbetäubender Lärm"

Wenige Kilometer nördlich von Jampil toben unterdessen erbitterte Kämpfe um das Dorf Torskje. Der Beschuss hat in den vergangenen Tagen zugenommen. Es sei zwar "halbwegs erträglich", sagt Olga, eine pensionierte 69-jährige Lehrerin, aber ohne diesen "ohrenbetäubenden Lärm" wäre es besser.

Olga trifft sich jeden Tag mit anderen Dorfbewohnern vor dem Dorfladen. Das Lebensmittelgeschäft des Ortes ist in diesen Tagen sowohl Sammelstelle für humanitäre Hilfe als auch ein Treffpunkt in einem.

Trotz der Kälte sitzen Olga und ein paar weitere Dorfbewohner um einen Tisch herum. Während Armeefahrzeuge vorbei rattern, diskutieren sie. "Das ist unser Wohnzimmer, wir kommen hierher um zu reden", sagt Olga mit einem Lächeln, während eine Frau neben ihr über Stromausfälle und fehlende Unterstützung im Dorf klagt. "Wir sind ihnen egal", sagt sie.

Ein paar Meter weiter bricht eine 84-jährige Frau mit einem blauen Kopftuch vor ihrem schwer beschädigten Haus in Tränen aus. "Wenn Hilfe eintrifft, nehmen sie alles mit, sie teilen nichts - warum?", fragt sie.

Doch Julia Ribalko von der örtlichen Verwaltung versichert, in Jampil hungere niemand. Sie organisiert die Verteilung der von Organisationen gelieferten Hilfsgüter wie Lebensmittel, Kleidung und Brennholz.

Vor dem Einmarsch der Russen am 24. Februar lebten in Jampil 2.500 Menschen. Heute zählt das Dorf nur noch 600 Einwohner. Doch würden die meisten bestimmt irgendwann zurückkehren, sagt Olga, die ehemalige Lehrerin. Nirgends sei es schließlich "besser als zu Hause". (afp)