Russland hat die Missachtung der selbst auferlegten Feuerpause während des orthodoxen Weihnachtsfests eingeräumt. Man habe ukrainische Angriffe erwidert, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Samstag. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wertete den Beschuss als neuen Beleg dafür, "wie falsch jegliches Wort ist, das aus Moskau kommt". Ukrainischen Angaben zufolge starben zwei Zivilisten beim Beschuss der Stadt Bachmut.

"Die Welt konnte heute wieder einmal sehen, wie falsch jegliches Wort ist, das von welcher Ebene in Moskau auch immer kommt", sagte Selenskyj am Samstagabend in seiner täglichen Videoansprache. "Sie haben irgendwas von einer angeblichen Waffenruhe gesagt. Aber in Wirklichkeit wurden Bachmut und andere ukrainische Positionen wieder von russischen Salven getroffen."

Nach russischer Darstellung wurden während der Feuerpause nur ukrainische Angriffe erwidert. "Alle Positionen der ukrainischen Armee, von denen aus Beschuss erfolgte, wurden von den russischen Streitkräften durch Erwiderung des Feuers niedergeschlagen", sagte Ministeriumssprecher Konaschenkow am Samstag.

"Propaganda-Geste"

Kampfhandlungen gab es demnach in den Gebieten Donezk, Cherson und Saporischschja. Ungeachtet dessen erklärte Konaschenkow, Russland halte sich an die selbst auferlegte 36-stündige Feuerpause, die am Samstagabend um 22.00 Uhr MEZ offiziell enden sollte.

Selenskyjs Berater Mychailo Podoljak berichtete am Samstag von russischem Beschuss entlang der gesamten Front. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft teilte am Samstag mit, in Bachmut im Donezker Gebiet seien am Freitag durch russischen Beschuss zwei Zivilisten getötet und 13 weitere verletzt worden. Augenzeugen berichteten auch von beständigem Artilleriebeschuss in der Stadt Tschassiw Jar. Der ukrainische Generalstab meldete einen russischen Raketenangriff, binnen 24 Stunden habe die russische Seite zudem 20 Geschosse aus mehreren Raketenwerfern abgefeuert.

Putin hatte die vorübergehende Waffenruhe am Donnerstag angekündigt und mit dem Weihnachtsfest begründet, das viele orthodoxe Christen am 7. Jänner feiern. Die Ukraine lehnte das allerdings als heuchlerische Propaganda-Geste ab und setzte ihre Rückeroberungsversuche fort. Es könne keinen Frieden geben, solange russische Truppen ukrainisches Gebiet besetzt hielten, hieß es aus Kiew.

Auch viele internationale Beobachter bezweifelten von Anfang an, dass die russischen Waffen wirklich konsequent schweigen würden. Nach Einschätzung britischer Geheimdienste gingen die Kämpfe während der orthodoxen Weihnachtszeit sogar auf dem üblichen Niveau weiter. Eine der am härtesten umkämpften Gegenden sei weiterhin jene um die Stadt Kreminna in der Region Luhansk, hieß es am Samstag im täglichen Kurzbericht des britischen Verteidigungsministeriums. "In den vergangenen drei Wochen haben sich die Kämpfe rund um Kreminna auf das dicht bewaldete Gebiet westlich der Stadt konzentriert." Da die Wälder selbst im Winter einen gewissen Sichtschutz vor der Beobachtung aus der Luft böten, hätten beide Seiten sehr wahrscheinlich Schwierigkeiten, den Artilleriebeschuss genau einzustellen. (apa, dpa)