In Soledar steht kein Stein mehr auf dem anderen, wobei die ukrainischen Verteidiger der Kleinstadt das Nachsehen haben. Nach heftigem Häuserkampf bahnt sich eine Niederlage an, die gravierende Folgen für die nur wenige Kilometer entfernt gelegenen Stadt Bachmut haben könnte.

Der britische Geheimdienst teilte mit, dass russische Armeesoldaten und Angehörige der berüchtigten Privatarmee Wagner einen Großteil Soledars bereits unter ihre Kontrolle gebracht haben. Unter den Wagner-Söldnern sollen sich zahlreiche in Gefängnissen rekrutierte Ex-Häftlinge befinden.

Vorgehen erinnert Ukrainer an den Ersten Weltkrieg

Nach ukrainischer Darstellung haben die Russen Soledar - hier lebten zuletzt 11.000 Menschen - in den vergangenen 24 Stunden 86 Mal mit Artillerie angegriffen. Moskau wende eine Taktik aus dem Ersten Weltkrieg an, so der Sprecher der ukrainischen Streitkräfte, Serhij Tscherewaty. Es werde eine große Anzahl von Männern in die Schlacht geworfen, schwere Verluste würden in Kauf genommen. "Das ist im Grunde kein Krieg des 21. Jahrhunderts", heißt es dazu in Kiew.

Der Blutzoll ist hoch, doch mit den russischen Erfolgen verschlechtert sich aus ukrainischer Sicht die Lage um Bachmut. Die Angreifer versuchen offenbar, die lange umkämpfte Stadt vom Norden kommend einzuschließen und so nach tausenden Toten eine Entscheidung zu erzwingen.

Nach Ansicht des ukrainischen Militärjournalisten Yuriy Butusov ist für die ukrainischen Verteidiger längst Feuer am Dach. Die russischen Einheiten sind demnach weit genug vorgerückt, um wichtige Nachschublinien der Ukrainer unter Beschuss nehmen zu können. Bereits jetzt sei die Versorgung der Kampfeinheiten um Bachmut nur noch mit Einschränkungen möglich. Butusov warnt vor "chaotischen Aktionen" der ukrainischen Truppen und fordert einen durchdachten Plan. Außentemperaturen von bis zu minus 18 Grad schränken die Handlungsmöglichkeiten allerdings auf beiden Seiten ein.

Kämpfe konzentrierten sich auf Stolleneingänge

Die Kämpfe in Soledar konzentrierten sich nach britischen Angaben zuletzt auf Zugänge zu stillgelegten Salzminenstollen, die unter dem Gebiet verlaufen und insgesamt rund 200 Kilometer lang sind. "Beide Seiten sind wahrscheinlich besorgt, dass sie zur Infiltration hinter ihre Linien missbraucht werden könnten", hieß es aus London.

Nach ukrainischen Angaben, die nicht unabhängig überprüft werden können, sind zuletzt innerhalb von 24 Stunden 710 russische Soldaten gefallen. Die Verluste der Angreifer seit Kriegsbeginn belaufen sich damit auf 112.470 Tote, es gingen 3.084 schwere und 6.154 leichte Panzer verloren.


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Die Verluste auf ukrainischer Seite sind geringer, eine Zahl wird von Kiew aber nicht genannt. Die Verteidigung von Soledar hat mit Sicherheit zahllose ukrainische Verteidiger das Leben gekostet. Vier Tage lang war es der ukrainischen Armee gelungen, die Sturmangriffe abzuwehren. Zuletzt hätten sich die Russen aber "neu gruppiert, die Truppenstärke wiederhergestellt, zusätzliche Angriffseinheiten verlegt und die die Taktik geändert", hieß es aus Kiew.

Soledar und Bachmut sind Teil des tief gestaffelten ukrainischen Verteidigungswalls vor dem Ballungsraum zwischen Slowjansk und Kramatorsk. Beide Städte haben jeweils über 100.000 Einwohner. Die Einnahme dieses Gebiets wäre aus russischer Sicht ein bedeutender Schritt hin zur Eroberung des gesamten Donbass - eines der erklärten Kriegsziele des Kremls.

"Militärische Konfrontation mit der Nato"

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj appellierte unterdessen angesichts der jüngsten Rückschläge an den Durchhaltewillen der Ukrainer: "Auch wenn die Besatzer jetzt ihre größten Anstrengungen auf Soledar konzentriert haben, wird das Ergebnis dieses schweren Kampfes die Befreiung unseres gesamten Donbass sein." Der Widerstand der ukrainischen Soldaten in Soledar verschaffe der ganzen Armee Zeit, sagte der Staatschef.

Während westliche Länder die Lieferung zahlreicher moderner Schützen- und Spähpanzer beschlossen haben und nun auch über die Entsendung von Kampfpanzern diskutieren, sieht sich Russland nach Darstellung von Nikolai Patruschew, einem der engsten Vertrauten von Präsident Wladimir Putin, in der Ukraine jetzt im Kampf mit der Nato. Zudem versuche der Westen, Russland auseinanderzureißen, so Patruschew, der als Sekretär des nationalen Sicherheitsrates über große Macht verfügt. "Die Ereignisse in der Ukraine sind kein Zusammenstoß zwischen Moskau und Kiew - dies ist eine militärische Konfrontation zwischen Russland und der Nato und dabei vor allem den Vereinigten Staaten und Großbritannien." Die Pläne des Westens seien es, Russland weiter auseinanderzuziehen und es schließlich von der politischen Weltkarte komplett zu tilgen, sagt Patruschew.