Ihre Frage ist nicht originell. Ich gebe auf sie aber immer eine andere Antwort", lacht Oleksij Antypowytsch, wenn man ihn fragt, wie sich die ukrainische Gesellschaft knapp ein Jahr nach der russischen Invasion verändert hat. Der kräftige Mann ist Direktor des Sozialforschungsinstituts Rating Group, welches etwa im Wahljahr 2019 mit sehr genauen Wahlumfragen auf sich aufmerksam gemacht hat. 2022 hat die Rating Group trotz schwieriger Umstände wieder unzählige Studien durchgeführt. Diesen zufolge glauben 97 Prozent der Ukrainer an einen Sieg gegen Russland. Mehr als 80 Prozent lehnen kontinuierlich jegliche territorialen Zugeständnisse an Moskau ab. Der kleine Teil der Ukrainer, der im ersten Kriegsmonat noch kompromissbereit war, hat seine Meinung Antypowytsch zufolge spätestens mit den Tragödien von Butscha, Irpin und Hostomel geändert.

"Was sich am meisten verändert hat, ist die Grundeinstellung der Ukrainer gegenüber ihrem eigenen Land", sagt Antypowytsch. Vor dem Krieg sei die Mehrheit der Menschen der Ansicht gewesen, dass 30 Jahre Unabhängigkeit mehr Misserfolge als Erfolge brachten. "Nun betrachten die Menschen auch die Zeit vor dem 24. Februar ganz anders. Sie sagen, dass wir auch ab 1991 durchaus erfolgreich waren."

Antypowytsch zufolge ist dadurch auch das Bekenntnis zur Ukraine als Staat gestiegen. "Vor dem großen Krieg haben sich acht von zehn Ukrainern vor allem als Staatsbürger der Ukrainer identifiziert. Im Moment sind das zehn von zehn", sagt der Meinungsforscher. Und dass 80 Prozent heute glauben, dass sich die Ukraine generell in die richtige Richtung entwickelt, hätten Experten wie Antypowytsch früher so nicht für möglich gehalten.

Dabei ist die Ausgangslage für die Menschen in der Ukraine gerade alles andere als einfach. Neben der schwierigen Situation mit der Stromversorgung, bei der der beispiellos warme Winter zwar hilft, doch eine grundsätzliche Verbesserung vor Mitte des Frühjahres nicht zu erwarten ist, sind nicht nur täglich tote Zivilisten nahe der Frontlinie und schwere Verluste bei den kämpfenden Truppen Teil des Alltages. Sondern es sind auch Tragödien wie in Dnipro am letzten Samstag, als eine russische Rakete vom Typ Kh-22 einen Wohnblock traf und mehr als 40 Menschen tötete. Oder auch der Absturz eines ukrainischen Hubschraubers in Browary, bei dem insgesamt 14 Menschen ums Leben kamen, darunter die drei ranghöchsten Beamten des Innenministeriums, inklusive der Minister und ein Kind. Die Ursache der Tragödie bleibt unklar, doch dass der dem Katastrophenschutz unterstellte Hubschrauber im Nebel so tief fliegen musste, ist eine direkte Folge des russischen Angriffskrieges.

"Schlimmer wird es nicht"

Dass Russland auf einen richtig langen Krieg setzt, ist den Ukrainern mittlerweile bewusst. Trotzdem haben im Dezember 89 Prozent der im Rahmen einer Studie befragten Menschen angegeben, dass sie mit Optimismus ins nächste Jahr blicken, während 65 Prozent davon ausgingen, dass 2023 besser als 2022 sein wird.

"Für mich ist das der Ausdruck einer Kriegsanpassung. Der Befund bedeutet nicht, dass es keine mentalen Probleme in der Gesellschaft gibt. Aber viele Menschen sagen sich offenbar: Ach, schlimmer kommt es sowieso nicht mehr", urteilt Petro Oleschtschuk, Politikwissenschafter an der Kiewer Schewtschenko-Universität. Zudem hätten die Menschen auch mit großer Überraschung festgestellt, dass fast alle der vor dem Krieg viel kritisierten staatlichen Institutionen unter Stressbedingungen gut funktionieren.

Eine Einschätzung, die Oleksij Antypowytsch grundsätzlich teilt. "Es ist das erste Mal in der ukrainischen Geschichte, dass die Menschen das Gefühl haben, Seite an Seite mit der politischen Führung zu stehen", sagt der Rating-Group-Direktor. Seit der Unabhängigkeit habe es nach der Orangen Revolution 2004, der Maidan-Revolution 2014 und auch nach dem Wahlsieg Wolodymyr Selenskyjs 2019 kurzfristig ähnliche Phasen gegeben, doch die hätten sich allesamt wieder schnell erledigt gehabt. "Nun hat sich das wirklich in der ersten Kriegswoche verändert und bleibt auch so", meint der Soziologe. "Die Menschen bringen zwar große Opfer und sind natürlich irgendwie kriegsmüde. Doch die vor dem 24. Februar vorherrschende Einstellung, dass alles schlecht sei und es kein Geld und keine Perspektive gibt, ist verschwunden. Wir sind im Krieg und können gar nichts mehr planen. Aber alles, was etwas besser ist, als was gestern war, wird als gut genug empfunden."

85 Prozent der Ukrainer sprechen inzwischen auch von der faktischen Wiederherstellung der Grenzen von 1991 als gewünschtem Kriegsergebnis. Nur neun Prozent würden sich mit der Rückkehr zum Status quo vor dem 24. Februar, also mit einer russischen Kontrolle der Krim-Halbinsel und Teilen der Bezirke Donezk und Luhansk, zufriedengeben. Unter Experten wird allerdings oft diskutiert, ob die Frage eines wohl sehr blutigen Rückeroberungsversuch der besetzten Krim wirklich so bewertet wird, wie die Umfrageergebnisse nahelegen. Laut dem Politologen Oleschtschuk hat sich die Bewertung der von der Krim ausgehenden Gefahr aber in jedem Fall radikal verändert. 2014 hatten die Ukrainer die faktische Situation akzeptiert und auch die Regierung hat ausschließlich über diplomatische Wege gesprochen. "In diesen acht Jahren wurde die Krim aber stark militarisiert und dient nun als russisches Aufmarschgebiet für die Operationen in der Südukraine", sagt Oleschtschuk. "Die Ukrainer können auf lange Sicht nicht ruhig schlafen, wenn die Schwarzmeerflotte nicht aus Sewastopol weg ist."

Putin hat die Ukraine geeint

Laut dem erfahrenen Soziologen Antypowytsch gibt es bei allen prinzipiellen Fragen auch kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern oder den ukrainischen Regionen - inklusive jenen im Osten. "Eine andere Meinung hat lediglich ein kleiner Anteil der älteren Generation, der immer noch der Sowjetnostalgie nachhängt", erklärt er. "Ansonsten gilt auch bei der Sprachfrage überall Konsens, dass Ukrainisch die einzige Staatssprache sein sollte, obwohl viele immer noch im Alltag Russisch sprechen. Wladimir Putin hat die Ukraine besser vereint als alle ukrainischen Präsidenten zuvor."

Ob es aber Meinungsverschiedenheiten zwischen den gebliebenen Ukrainern, Binnenflüchtlingen und Geflüchteten gibt? "Es geht um minimale Konflikte. Dass zum Beispiel manch eine Ehe doch zusammenbricht, ist nachvollziehbar. Die Ukraine ist aber ein ziemlich tolerantes Land ohne allzu bedeutende Xenophobie", betont Antypowytsch, dessen Institut vor allem die Lage der Binnenflüchtlinge aufmerksam studierte. "Wir sehen, dass es im Westen des Landes manchmal Unzufriedenheit gibt, wenn Binnenflüchtlinge privat Russisch reden. Und wir sehen auch die etwas seltsam anmutenden Beschwerden, dass Menschen aus bestimmten Region angeblich zu laut sprechen. Doch es ist minimal und ein bisschen Vielfalt wird einer Stadt wie etwa Lwiw nicht schaden. Hier in Kiew wohnen ohnehin Menschen aus allen Ecken des Landes und wir kommen ja miteinander aus."

Die derzeitige Stimmungslage in der Ukraine ist für Antypowytsch allerdings nicht viel mehr als eine Momentaufnahme. "Wenn sich die Lage an der Front und bei den Waffenlieferungen ändert, wird vielleicht auch der Optimismus der Ukrainer kleiner werden", sagt der Soziologe. "Wir sind ja stark von westlicher Hilfe abhängig."