Nun macht Deutschland doch, was Polen will. Berlin wird Kampfpanzer an Kiew liefern, worauf Warschau gedrängt hat. Und es wird nicht dabei bleiben: Auch andere Staaten werden schweres Gerät in die Ukraine schicken. Die in einigen Ländern dafür nötige Genehmigung möchte Berlin erteilen. In den USA werden ebenfalls die Weichen für Lieferungen gestellt: Die Regierung in Washington gibt ihren Widerstand auf und schickt 31 M1-Abrams-Panzer.

Polens Premierminister Mateusz Morawiecki war denn auch unter den ersten, der seinem deutschen Amtskollegen per Twitter Lob zollte. "Danke, Bundeskanzler Olaf Scholz", schrieb er. Frankreich, Großbritannien - beide ebenfalls lieferwillig - schlossen sich den Gratulationen an. Aus anderen Staaten kamen prompt weitere Ankündigungen: Spanien will der Ukraine deutsche Leopard-Panzer ebenso zur Verfügung stellen wie die Niederlande und Finnland. Aus Polen kommen jedenfalls 14 Stück, und Deutschland selbst will 14 Leopard-2-A6 liefern. Diese stammen aus Beständen der Bundeswehr.

Scholz erklärte, dass sein Land neben den Leoparden auch weitere Flugabwehrsysteme und andere Waffen in die Ukraine schicken werde. Die Abgabe der Panzer werde Deutschland selbst finanzieren. Zur Höhe der Kosten machte der Bundeskanzler keine Angaben.

Zu klären sind außerdem noch Fragen nach dem Zeitpunkt des Einsatzes, des Trainings und Nachschubs. Je eher die Leoparden geliefert würden, umso besser, hieß es in Warschau. Doch müssten zuerst die ukrainischen Soldaten in der Bedienung des Geräts geschult werden. Das soll "zügig" erfolgen, meinte der Regierungssprecher in Berlin. Er sprach auch von Munition, Ersatzteilen, Logistik und Wartung der Systeme, für die Deutschland ebenfalls verantwortlich sei.

Kreml spricht von "Irrsinn"

Das Land spielt in der Debatte eine zentrale Rolle, da die dort gebauten Leopard-Panzer von rund 20 Armeen eingesetzt werden. Etliche Militärexperten argumentierten, dass die Leoparden die beste Option für die Ukraine seien, da sie in großer Zahl verfügbar und leicht zu verlegen seien. Allerdings hatten etliche Länder darauf verwiesen, dass es Monate dauern könnte, die Panzer für einen Einsatz instandzusetzen. Auch die Firma Rheinmetall, die über alte Leopard-1- und Leopard-2-Bestände verfügt, hatte zuletzt von der möglichen Lieferung von 100 Panzern innerhalb von 20 Monaten gesprochen.

Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius meinte, die ersten Leoparden könnten in etwa drei Monaten in der Ukraine sein. Er verkündete, er werde sehr kurzfristig Gespräche mit der Rüstungsindustrie aufnehmen. Dabei werde es aber nicht nur um Leopard-Panzer gehen, sondern auch um Möglichkeiten für verlässlichere, schnellere Nachschub-Wege. Das werde die Herausforderung der nächsten Jahre sein.

Rasch kam aber die Reaktion Russlands. Die Botschaft in Berlin kritisierte den Entschluss der Bundesregierung scharf: Deutschland habe damit seine historische Verantwortung gegenüber Russland aufgegeben. Die Entscheidung sei äußerst gefährlich und hebe den Konflikt auf eine neue Ebene.

Die erwartete Lieferung von US-Panzern an die Ukraine wiederum bezeichnete der Kreml als sinnlos und teuren Irrsinn. Die Panzer würden "brennen". Ihr Potenzial für das ukrainische Militär werde überschätzt.

Auf einen Kommentar verzichtete hingegen zunächst Präsident Wladimir Putin. Stattdessen beantwortete er Fragen von Studenten bei einem Besuch der Staatlichen Universität Moskau.

Ukraine hofft auf Wende

Die Ukraine jedenfalls hegt Hoffnungen auf einen möglichen Wendepunkt in dem Krieg. "Ein paar hundert Panzer für unsere Panzerbesatzungen - das ist es, was zu einer echten Faust der Demokratie werden wird", schrieb Andrij Jermak, Kabinettschef von Präsident Wolodymyr Selenskyj, auf dem Messengerdienst Telegram. Selenskyj selbst hatte die westlichen Verbündeten zuvor erneut dazu gedrängt, ihre modernsten Kampfpanzer zur Verfügung zu stellen und fügte in seiner Videoansprache hinzu: "Der Bedarf ist größer."

Weitere Wünsche äußerte auch Vize-Außenminister Andrij Melnyk. Er forderte von Deutschland bereits die Lieferung von Tornado- und Eurofighter-Kampfjets, Kriegsschiffen und U-Booten. Kanzler Scholz winkte schon ab: so wie keine Entsendung von Truppen, so keine Kampfflugzeuge. Das hätten er und US-Präsident Joe Biden schon in der Diskussion um eine Flugverbotszone klargemacht. (czar/reuters)