Man hört auch von der Möglichkeit einer tiefen Kränkung. Könnte das ein zusätzlicher Impuls gewesen sein?

Das ist möglich, dass es bei ihm in der Biografie eine Kränkung gab, ein Erlebnis mit einem Ausländer vielleicht, oder jemandem, der dem links-liberalen Spektrum angehört. Es ist denkbar, dass das für ihn ein Startpunkt war.

Hätte man bei diesem Menschen, der sich seit Jahren auf diese Tat vorbereitet hat, an irgendeinem Punkt erkennen können, was er vorhat?

Das lässt sich in diesem Fall und mit den vorliegenden Informationen nicht sagen. Aber es ist oft so, dass solche Täter Warnsignale setzen. In seinem Fall wäre das, wenn die Firma, die ihm das Düngemittel verkauft hat, die Behörden informiert hätte, oder dass er im Internet auffällig war. Aber jede einzelne dieser Informationen ist für sich nicht beunruhigend. Die Frage ist, ob es dann eine Stelle gibt, die genauer hinschaut und versucht, das Ganze stärker zu analysieren. In Wien gibt es da beispielsweise diese Bedrohungsmanagementstelle bei der Polizei, die diese Prävention für Schulen und bei Stalking-Fällen macht und auch für Behörden wie beispielsweise Gerichte. Die spielen in Europa eine Vorreiterrolle.

Beim Durchlesen des Manifests fällt auf, dass er seine Forderungen " Nationalismus statt Multikulti" und "Christentum statt Islam" in einem Atemzug nennt mit "Patriarchat statt Matriarchat". Er beklagt auch, dass Kinder oftmals nicht mehr wie früher von beiden Elternteilen aufgezogen werden. Breivik ist ja als Scheidungskind bei seiner Mutter aufgewachsen. Könnte hier eine weitere Ursache für seine Störung zu suchen sein?

Das kann ich mir gut vorstellen. Es kann sein, dass da der Hass herkommt. Ich habe auch gelesen, dass er ein ambivalentes Verhältnis zu seinem Stiefvater hatte. Er hat ja auch noch bei seiner Mutter gelebt, wie man hört, scheint also sein Privatleben nicht richtig emanzipiert zu haben. Solche Faktoren können sicherlich eine Rolle spielen.

Dr. Jens Hoffmann ist Leiter des Instituts Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Europol hat ihn 2002 in die Experten-Datenbank für europäische Polizeikräfte aufgenommen.