Oslo/Wien. (leg/apa) Ein pro-israelischer Rechtsextremer, der Churchill und einen norwegischen Widerstandskämpfer gegen die Nazis schätzt; ein christlicher Tempelritter und Streiter gegen den Islam, der zugleich Freimaurer ist und den Grad seiner Religiosität als "von gemäßigt über agnostisch wieder zu gemäßigt" beschreibt; ein Kafka- und Orwell-Leser, der den Liberalen John Stuart Mill zitiert und kaltblütig Jugendliche erschießt - die Welt des Anders Behring Breivik gibt Rätsel auf.

Eines ist klar: Der selbsternannte Tempelritter sieht sich als Kämpfer gegen die Einwanderung von Muslimen nach Europa. Der Chefredakteur einer antifaschistischen schwedischen Zeitschrift nennt Breivik den "ersten antimuslimischen Terroristen". Vor seiner Tat hat der mutmaßliche Attentäter im Internet ein 1500 Druckseiten umfassendes Manifest veröffentlicht, das Anleitungen zum Bombenbau ebenso umfasst wie ein Interview mit sich selbst. Auf dem Deckblatt ist das rote Kreuz des Templerordens abgebildet - die um 1118 gegründete Gemeinschaft, die in der Zeit der Kreuzzüge eine militärische Eliteeinheit bildete und direkt dem Papst unterstand, war der erste Ritterorden, der die Ideale von Adel und Mönchtum vereinte. Breivik knüpft daran an, zeigt sich auf Fotos als vermeintlicher moderner Tempelritter in einer an die SS erinnernden schwarzen Uniform mit Totenkopfemblem. "Die Zeit des Dialogs ist vorbei", heißt es, "die Zeit des bewaffneten Widerstands ist gekommen." Der "Kampf gegen die multikulturellen Eliten in Europa" solle dabei nicht mehr als "45.000 Tote und eine Million Verletzte" haben - "wegen des Prinzips der Angemessenheit". Sein Konvolut nennt Breivik "2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung".

Die Zahl ist kein Zufall: Immer wieder kommt der Attentäter von Oslo in seinem Manifest auf die Wiener Türkenbelagerung zu sprechen, die im Jahr 1683 stattgefunden hat. Breivik schlägt vor, den 12. September 1683, den Tag der siegreichen Entsatzschlacht von Wien, zum europäischen Feiertag zu erklären. In der Einleitung bedankt er sich auch bei den "Brüdern und Schwestern" aus Österreich.

"EU-Kampagne"


Er zählt Österreich demnach zu jenen Ländern, die sich "mehr oder weniger der islamischen Herrschaft" unterworfen haben sollen. Im Namen einer "europäischen Widerstandsbewegung" bietet er Österreich jedoch die "volle Begnadigung" an - sollte es sich bis zum 1. Jänner 2020 ergeben. Geschieht das nicht, droht Breivik mit einem Atomangriff. Er befasst sich auch mit den Sanktionen gegen die schwarz-blaue Bundesregierung im Jahr 2000 ("Österreich-Haider Vorfall"). Damals habe die EU eine "Kampagne der psychologischen Kriegsführung" gegen die österreichische Bevölkerung gestartet. Österreich sei von der Weltpresse "als Land voller Nazis" dargestellt worden. SPÖ, ÖVP und Grüne bezeichnet Breivik als "Kultur-Marxisten/selbstmörderische Humanisten/kapitalistische Globalisten". FPÖ und BZÖ werden dagegen als Anti-Einwanderungs-Parteien hervorgehoben.