London/Wien. (aum/apa) Bis auf die Grundfesten niedergebrannte Häuser, geplünderte Geschäfte, Dutzende verletzte Polizisten und mehr als 160 festgenommene Randalierer: In London ist der Teufel los. Noch immer halten die Krawalle an, die am Wochenende im Stadtteil Tottenham ihren Ursprung hatten. Mittlerweile haben sie sich auf weitere Teile im Norden, Süden und Osten Londons ausgeweitet.

Im Osten der britischen Hauptstadt lieferten sich Jugendliche am Nachmittag Auseinandersetzungen mit der Polizei. Sie warfen Feuerwerkskörper auf die Sicherheitskräfte und attackierten sie mit Mülltonnen sowie Einkaufswagen. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie Polizisten versuchten, einen Bahnhof abzuriegeln. Einige Jugendliche drangen offenbar auf der Suche nach Wurfgeschoßen in Geschäfte ein.

Die Gewalt hatte sich am Samstag entzündet, nachdem Angehörige und Freunde eines 29-Jährigen wegen dessen Tötung demonstriert hatten. Der mutmaßliche Drogendealer Mark Duggan war vergangene Woche von der Polizei bei einer versuchten Festnahme unter bisher ungeklärten Umständen erschossen worden.

Plünderungen

Ersten Angaben zufolge hatte Duggan einen Polizisten angeschossen, woraufhin auf ihn das Feuer eröffnet worden war. Später hieß es, der Schuss, der auf den Beamten abgegeben wurde, stamme aus einer Dienstwaffe. Die zunächst friedliche Demonstration am Samstag eskalierte: Randalierer setzten Büros, Wohnungen, Polizeiautos und einen Doppeldecker-Bus in Brand und plünderten Geschäfte.

"Sie zerren uns aus unseren Autos, als ob wir Drogendealer wären", erklärte die 43-jährige Jugendarbeiterin Michelle Jackson die Gewalt mit rassistisch bedingten Spannungen zwischen Jugendlichen und der Polizei. "Der einzige Grund aus dem die Leute getan haben, was sie getan haben, war, weil es der einzige Weg ist, uns Gehör zu verschaffen."

In der Nacht auf Montag breiteten sich die Krawalle über verschiedene Teile der Stadt aus. In Brixton im Süden verwüsteten mehr als 200 Jugendliche die zentrale Einkaufsstraße. In Enfield im Norden sowie in Walthamstow und Waltham Forest im Nordosten griffen Jugendliche Polizisten an und plünderten Läden. Einige dieser Gegenden sind für soziale Probleme bekannt. 50 Jugendliche randalierten aber auch am Oxford Circus - mitten in der Londoner Innenstadt.

Die Familie des getöteten vierfachen Vaters distanzierte sich von der Gewalt. Das sei nicht im Sinne des 29-Jährigen, sagte dessen Bruder. Der stellvertretende Premier Nick Clegg verurteilte die Ausschreitungen als nicht hinnehmbar. Innenministerin Theresa May brach am Montag ihren Urlaub ab, um nach London zurückzukehren. Auch die Opposition verurteilte die Gewalt. David Lammy, Labour-Abgeordneter von Tottenham, nannte den Aufstand eine "Schande" und lobte die Polizei für ihre "angemessene" Antwort.

Die Jugendlichen bildeten laut Polizei über das Internet "kleine und mobile" Gruppen. Sie hätten sich mit Smartphones organisiert und seien sehr schnell von einem Ort zum nächsten weitergezogen, berichteten Beobachter. Die Polizei habe daher große Probleme gehabt, die Randalierer unter Kontrolle zu bekommen. Die Feuerwehr musste rund 50 Brände löschen.