Die alte Hansestadt Reval, die seit 1918 offiziell Tallinn heißt, zieht heuer im Doppelpack mit der finnischen Stadt Turku als "Europäische Kulturhauptstadt" Aufmerksamkeit auf sich. Das ist aus unterschiedlichen Gründen begrüßenswert. Zum einen, um die weißen Flecken innerhalb jeder persönlichen Europa-Karte zu schattieren. Nicht alle Bürger Europas können schließlich die baltischen Staaten geographisch richtig orten. Zum anderen, weil die Hauptstadt Estlands innerhalb der vergangenen zwanzig Jahre auf eine rasante wirtschaftliche und soziale Entwicklung zurückblicken kann. Und die betrifft nicht nur das High-Tech-Faible, für das der kleinste der drei baltischen Staaten bekannt geworden ist.

Die Software für KaZaa und Skype wurden von Esten entwickelt, und die Möglichkeit der elektronischen Stimmabgabe bei Wahlen wird in Estland bereits praktiziert. Doch beeindruckt auch die estnische Unabhängigkeit als kurzer historischer Augenblick jener Selbstbehauptung, die sich im Widerspruch zur Sowjetzeit gebildet hat.

Mit der russischsprachigen Bevölkerung in ihrem Staatsgebiet tut sich das Land mitunter schwer, umgekehrt wohl auch. Davon zeugen die gewaltsamen Proteste russischer Bürger, die 2007 die Verlegung eines russischen Soldaten-Denkmals verhindern wollten. Rund 25 Prozent russische Bevölkerung weist die Statistik für das gesamte Land aus. In grenznahen Städten wie Narva sind es 95, für die Stadt Tallinn fast 40 Prozent. Zumindest in der Hauptstadt ist der fließende Übergang von einer Sprache in die andere gut zu hören.

Romantische Altstadt

Wer durch die dicken Bögen der historischen Stadtmauer tritt, findet sich in einer eigenen Welt wieder. Spitzgiebelige Fassadenensembles prägen die Gassen und Plätze, auf denen sich in den wärmeren Jahreszeiten Touristenmassen voranschieben. Aufziehbalken erinnern an die einstige Verwendung als Lagerhäuser. Um die Restauranteingänge bilden sich Menschentrauben. Hier stehen Gleichgesinnte zum Frischlufttabakkonsum zusammen. In Estlands Gastronomie gilt seit 2007 ein striktes Rauchverbot, an das man sich selbst in zwielichtigen Spelunken hält.

Ein gewisser Hang zur Öffentlichkeit wohnt auch dem Alkoholkonsum inne. Zahlreiche einschlägige Geschäfte bieten ihre Produkte in der Altstadt an. Von diesem Angebot machen wohl nicht nur die finnischen Tagestouristen Gebrauch, die sich hier mit preiswerten Flüssigkeiten für die Heimreise eindecken.

Neu in Estland ist seit Beginn des Jahres der Euro als Zahlungsmittel. Die Bewohner vermissen mitunter die nationalen Symbole auf den Kronen-Münzen, an die man sich seit 1992 gewöhnt hatte. Auch hört man nach wie vor die Befürchtung, das Leben könnte durch den Euro teurer werden.

Der Entwurf für die Darstellungen der Euro-Münzen stammt vom estnischen Designer Lembit Lõhmus. Per Telefonabstimmung entschied sich eine Mehrzahl der Esten für dessen Darstellung der Landesgrenzen. Weniger Gefallen an den fest geprägten Konturen des Nachbarstaates hatte Russland, das Estland bei der Euro-Einführung vorwarf, auf der Münze russisches Territorium für sich zu reklamieren, während die Esten mit dem Verweis auf eine gewisse künstlerische Freiheit regierten. Auch hier verheilen alte Wunden schlecht.

Innerhalb der Stadtmauern Tallinns verweist man stolz auf den Turm der St. Olavs Kirche, der es im ausgehenden Mittelalter auf eine Höhe von 159 Metern brachte und somit als höchster Kirchturm seiner Zeit galt. Kein Kirchenbau dieser Zeit und dieser Dimension kommt ohne die dazugehörige Geschichte vom Mitwirken dunkler Mächte aus, die schlussendlich ausgetrickst werden konnten.

Schöne Legenden

Die historische Stadt kann mit weiteren Superlativen aufwarten. Die älteste Apotheke befindet sich seit 1422 hier. Nun gut, denselben Rekord beansprucht auch die Franziskanerapotheke in Dubrovnik. Diese kann auf die verbürgte Jahreszahl 1317 verweisen. Also ist zu präzisieren: Die älteste Apotheke Nordeuropas oder die älteste Apotheke, die heute noch in Betrieb ist. So könnte es stimmen.

Die Stadt putzt sich noch mit einer anderen Besonderheit heraus. So soll auch das Marzipan hier entstanden sein. Zumindest in der Form, die man in Manufakturen verarbeiten konnte. Die Lübecker müssen bei dieser Selbstzuschreibung weghören, denn sie behaupten dasselbe von sich. Wo aber die Verarbeitung des Marzipans wirklich begann, ob in Tallinn oder Lübeck, das lässt sich heute mit Gewissheit nicht mehr feststellen. Jedenfalls kann man im Marzipan-Museum des Süßwarenherstellers Kalev zusehen, wie Kunsthandwerkerinnen mit feinhaarigen Pinseln Figuren aus der Mandel-Zuckermasse dekorieren.

Geschichten-Erzählen dient der Selbstfindung, der Herausbildung eigener Identität und ist ein Motto des Kulturhauptstadtprogramms. "Geschichten vom Strand" klingt als grob vorgegebener Spruch nicht gerade umwerfend; "Geschichtenerzählen rettet die Welt", das zweite Motto des Programms, ist mitreißender. Doch muss man Tallinns Strand gesehen haben, vor allem die riesigen Fährschiffe, die zwischen Helsinki und Tallinn hin- und herfahren: so mächtig, dass eine Handvoll Häuser darin Platz finden könnte.