Prag. Geschätzte 200.000 Roma leben in der Tschechischen Republik. Dabei handelt es sich um die Nachkommen derer, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Slowakei nach Böhmen und Mähren zogen, manche mehr, manche weniger freiwillig. Sie sollten die Grenzgebiete besiedeln, die nach der Vertreibung der Deutschen verlassen geblieben waren. "Man verbot ihnen das klassische Zigeunerleben und steckte sie in Plattenbauten und Fabriken", sagt Frantisek Kostlan von der NGO Romea, die das Leben der Roma in Tschechien dokumentiert. Nichtsdestoweniger denken heute viele Roma mit Nostalgie an das kommunistische Regime zurück.

Denn seit dessen Sturz hat sich ihre Lage zunehmend verschlechtert. Jobs, die sie früher unter der sozialistischen Arbeitspflicht verrichteten, machen heute Gastarbeiter aus der Ukraine oder der Mongolei. Und während sich unter den Roma die Arbeitslosigkeit breitmachte, derzeit liegt sie bei rund 90 Prozent, stiegen die Mietpreise nach der Privatisierung des staatlichen und städtischen Wohnungsfonds an. Gab es 1989 ein nur paar Roma-Viertel, so gibt es 2011 über 300 reine Roma-Ghettos.

Ohne Bildung - rund 50 Prozent aller Roma-Kinder kommen automatisch in Sonderschulen für geistig Behinderte, eine Praxis, die der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2007 als diskriminierend verurteilte - und ohne Lobby werden die Roma zu Opfern ihrer eigenen Hilflosigkeit. Und zu Opfern derer, die vom Antiziganismus der tschechischen Mehrheitsgesellschaft profitieren wollen: Immobilienspekulanten, die die Roma dafür bezahlen, ihre Wohnungen in lukrativeren Stadtvierteln zu verlassen, weil dann deren Marktwert steigt. 86 Prozent der Tschechen, so eine Umfrage, haben ein Problem mit Roma als Nachbarn.

Lokalpolitiker, die wissen, dass die Mehrheitsgesellschaft die Roma als "kriminell" pauschalisiert, verfrachten sie in Ghettos am Stadtrand. Nachdem der damalige Bürgermeister des Städtchens Vsetin, Jiri Cunek, 2006 die Bewohner eines ganzen Mietshauses in eigens gebaute Container neben der Kläranlage weit hinter den Ortsgrenzen verwies, wurde er mit einer überwältigenden Mehrheit von 71 Prozent in den Senat, das tschechische Oberhaus, gewählt und schaffte es sogar zum Vize-Premier. Cunek musste zwar die Regierung wegen eines Bestechungsskandals verlassen, den Ruf als rasanter Kämpfer gegen die "Kriminellen" genießt der Christdemokrat aber bis heute. "Der Konsens in unserer Gesellschaft lautet: ,Wir hassen die Roma", meint Frantisek Kostlan von Romea. In einer großen Umfrage im Dezember 2010 erklärten 40 Prozent der Befragten, sie würden begrüßen, wenn die "cikáni" ganz aus dem böhmisch-mährischen Kessel verschwänden.