Sofia. Mit festlichen Versammlungen begannen die Parteien in Bulgarien den Wahlkampf für die Präsidentschafts- und Kommunalwahlen am 23. Oktober. Zur selben Zeit stand in dem 3000-Seelen-Ort Katunitsa bei Plovdiv eine vielhundertköpfige Protestmenge vor dem Anwesen des Alkoholfabrikanten Kiril Raschkov. Zunächst schützten Polizisten das Haus des Roma-Führers, der sich selbst "Zar Kiro" nennt und Adel und Reichtum zur Schau stellt. Schließlich räumten sie das Feld, um - wie es heißt - "Opfer zu vermeiden". Brandstifter konnten ab diesem Zeitpunkt Autos und Häuser Raschkovs mit Molotow-Cocktails in Brand setzen.

Dass der Wahlkampf "schmutzig" werden würde, war allgemein erwartet worden, sein gewalttätiger Auftakt indes kam überraschend. Nun ist eine Eskalation ethnischer Spannungen zu befürchten.

Der gewaltsame Tod des neunzehnjährigen Angel Petrov am vergangenen Freitag hatte die pogromartigen Szenen in Katunitsa ausgelöst. Ein von einem angeblichen Bekannten Zar Kiros gesteuerter Kleinbus soll den jungen Mann absichtlich umgefahren haben. Aufgebrachte Dorfbewohner zogen daraufhin vor Raschkovs Haus, mit dem sie seit Jahren in amtsbekannten Konflikten leben. Dann kamen antiziganistische Drohparolen skandierende Fußballfans aus dem nahen Plovdiv, der Protest radikalisierte sich. "Der Polizei ist die Situation aus den Händen geglitten", kritisierte Ministerpräsident Bolko Borissov die Einsatzkräfte und warnte davor, "einen rein kriminellen Konflikt ethnisch zu politisieren".

Genau das haben die zahlreicher werdenden nationalistischen Parteien im Sinn. Allen voran mobilisierte die Partei Ataka zu Anti-Roma-Kundgebungen, Facebook-Gruppen mit Namen wie "Tod Zar Kirov - Auge um Auge, Zahn um Zahn" verzeichnen rasanten Zulauf. In der Nacht zum gestrigen Dienstag kamen in Sofia, Varna, Plovdiv und Burgas hunderte Demonstranten zusammen, es gab zahlreiche Festnahmen und vereinzelte Verletzte. Bei Bewohnern großer Roma-Viertel wie Stolipinovo in Plovdiv und Fakultäta wächst die Angst vor rassistischen Übergriffen.

Die nationalistische Ataka war in den vergangenen zwei Jahren Borissovs zentristischer Regierungspartei "Bürger für eine europäische Entwicklung" (GERB) in einer Art inoffiziellen Koalition verbunden. Nun ergreift Ataka-Führer Volen Siderov die Gelegenheit, sich wieder stärker "national" zu profilieren - schließlich will er zum Präsidenten gewählt werden. Seine Chancen sind gering, doch die wachsende nationalistische Welle könnte ihm Stimmen einbringen und seine politische Position stärken. Kleinlaut reagieren dagegen die aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten. Rossen Plevneliev, Kandidat der Regierungspartei GERB, der Sozialist Ivailo Kalfin (BSP) und die Ex-EU-Kommissarin Meglena Kuneva (NDSW) befinden sich in einer Zwickmühle; angewiesen auf Stimmen sowohl von ethnischen Bulgaren als auch von Roma halten sich mit Stellungnahmen zurück.

Latente Aversionen

Im sozialistischen Bulgarien der 1980er Jahren saß Kiril Raschkov wegen unrechtmäßiger Bereicherung in Haft. In den letzten zwanzig Jahren ermittelten auch die demokratischen Behörden mehrfach gegen ihn, unter anderem wegen des Vertriebs gepanschten Alkohols, erlegten ihm aber lediglich Geldbußen auf. Der siebzigjährige Zar Kiro ist einer von in Bulgarien nicht seltenen "Businessmen", die mit undurchsichtigen Geschäften ein Vermögen erwerben und in den Augen vieler Bulgaren ein Übermaß an "Narrenfreiheit" genießen. Die wenigsten von ihnen gehören der ethnischen Minderheit der Roma, die meisten der bulgarischen Mehrheitsbevölkerung an. Dennoch stachelt eine schillernde Figur wie Kiril Raschkov die latente Aversion der Bulgaren gegen die Roma an.

Der Montag war in Katunitsa ein "Tag der Trauer", in seltener Einmütigkeit beschworen Bulgariens sozialistischer Staatspräsident Georgi Parvanov und Ministerpräsident Boiko Borissov den Frieden zwischen den Volksgruppen.