Rom.

Die gewalttätigen Demonstranten setzten in Rom auch Fahrzeuge der Carabinieri in Brand und hatten Premier Silvio Berlusconi als Hauptfeind auserkoren. - © APAweb / reuters
Die gewalttätigen Demonstranten setzten in Rom auch Fahrzeuge der Carabinieri in Brand und hatten Premier Silvio Berlusconi als Hauptfeind auserkoren. - © APAweb / reuters
Italien reagiert geschockt auf die Gewaltwelle bei der Großdemonstration gegen die Macht der Finanzwelt, an der sich am Samstag 200.000 Menschen beteiligt haben. 70 Verletzte, Verwüstungen und zwölf Verhaftete ist die Bilanz der Ausschreitungen, die das Zentrum Roms in ein Schlachtfeld verwandelt haben. Die Ewige Stadt erlebte dramatische Stunden. "Straßenkämpfe und Terror: Rom im Chaos", kommentierte die römische Tageszeitung "La Repubblica".

Ministerpräsident Silvio Berlusconi kündigte an, Gewalttäter würden streng bestraft. Er dankte den Polizisten, die die Sicherheit und das Demonstrationsrecht der Bürger garantiert hätten. Auch Oppositionschef Pierluigi Bersani verurteilte die Ausschreitungen. Innenminister Roberto Maroni warnte, dass sich Kriminelle unter die Demonstranten gemischt hätten, um aus einer friedlichen Demonstration eine Schlacht zu machen. Oppositionschef Pierluigi Bersani betonte, dass die Vermummten eine friedliche Kundgebung ruiniert hätten, bei der Hunderttausende Menschen gegen das weltweite Wirtschaftssystem demonstrieren wollten. "Die Gewalttätigen müssen vorbildhaft bestraft werden", forderte Bersani.

Black Blocks stürmten Banken und Geschäfte
Am Rande der größten Demonstration unter den weltweiten Kundgebungen gegen die Domäne der Banken kam es schon kurz nach Beginn zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Black Blocks und der Polizei. Nachdem sich ein riesiger Protestzug von der zentralen "Piazza della Repubblica" im Herzen der Ewigen Stadt in Richtung Lateranbasilika Bewegung gesetzt hatte, stürmten vermummte Demonstranten Luxushotels, Banken und Supermärkten, schlugen Scheiben von Geschäften und Steuerämtern ein und zündeten mehrere Autos an, darunter auch Polizeifahrzeuge. Etwa 100 Vermummte steckten einen Anbau des Verteidigungsministeriums in Brand. Die Flammen schlugen aus den Fenstern und aus dem Dach. "Es war wie beim G-8-Gipfel in Genua 2001", kommentierten einige Demonstranten.

Jugendliche warfen Flaschen und Rauchbomben auf die Polizei und suchten dann immer wieder Schutz in der Masse der friedlichen Demonstranten. Mit Baseballschlägern bewaffnete Teenager - schwarz gekleidet - schlugen Schaufenster und ein und verwüsteten Geschäfte. Eine Gruppe Autonomer drang in eine der abgesperrten archäologischen Stätten in der Nähe des Kolosseums ein. Eine Kirche wurde beschädigt. Stundenlang lieferte sich die Gruppe der Vermummten auf der Piazza San Giovanni Straßenkämpfe mit der Polizei.

Schlachtfeld vor der Lateranbasilika
Der Platz vor der Lateranbasilika wurde regelrecht zum Schlachtfeld. Hunderte Demonstranten bewarfen dort Polizeifahrzeuge und Einsatzkräfte mit Steinen, Flaschen und Rauchbomben. Ein Polizeiwagen wurde angezündet. Die Beamten konnten im letzten Moment das brennende Fahrzeug verlassen. Die Polizei ging mit Wasserwerfern gegen die Autonomen vor. Diese hatten sich hinter Müllcontainern verbarrikadiert. Friedliche Demonstranten und auch Touristen gerieten bei den Ausschreitungen vielfach zwischen die Fronten.

Aus Sorge vor Krawallen waren in Rom vor der Demonstration scharfe Sicherheitsmaßnahmen ergriffen worden. Nach dem Sieg des umstrittenen Ministerpräsidenten Berlusconi bei einer Vertrauensabstimmung am Freitag hatte die Polizei mit Zwischenfällen gerechnet. Rund 2.000 Polizisten waren im Einsatz, unter anderem zum Schutz von Banken und Museen. Vier U-Bahn-Stationen wurden gesperrt. Bereits am Vormittag waren vier Personen aus anarchistischen Kreisen festgenommen worden. Eine Schleuder sowie 500 Glasmurmeln waren sichergestellt worden.

Die Protestkundgebung in Rom war der erste große Massenprotest, seit die Regierung Berlusconi im September ihr Sparpaket zur Schuldeneindämmung verabschiedet hatte. In den letzten Tagen hatten soziale Proteste in Italien stark zugenommen. Seit Mittwoch verbringt eine Gruppe von Demonstranten die Nächte in Zelten vor der Notenbank, um gegen die "Vorherrschaft der Finanz" zu protestieren. Der italienische Notenbankchef Mario Draghi, der am dem 1. November den Vorsitz der Europäischen Zentralbank (EZB) übernimmt, hatte vor Beginn der Kundgebung betont, er habe für die jungen Demonstranten Verständnis. "Sie sehen in dieser Krise wenige berufliche Perspektiven, sie haben allen Grund wütend zu sein", kommentierte Draghi.