Saint-Denis/Paris. Genevieve Pelissier ist bestens vorbereitet mit ihrer Mappe unter dem Arm, in der alles steht: Zahlen, Daten, Fakten über ihren Heimatort Saint-Denis. Pläne über die Verlängerung der Metro und den Bau eines neuen Uni-Campus für 15.000 Studenten in wenigen Jahren. Dokumente, die sie umsonst mitgeschleppt hat: Sie muss kein einziges Mal hineinblicken, hat alles über Saint-Denis im Kopf. Und was noch wichtiger ist: Sie trägt es in ihrem Herzen. Das klingt schwülstig, und doch ist es so. "Ich gehöre hierher, mit Leib und Seele", sagt die 64-Jährige.

Das lässt aufhorchen. Es hängen zwar viele Menschen an ihrer Stadt. Aber selten, wenn sie in Saint-Denis leben, das direkt an den Norden von Paris anschließt. Saint-Denis gehört zum 93. Departement Seine-Saint-Denis, das verrufenste in ganz Frankreich. Dieser Wohnort im Lebenslauf ist für viele Unternehmen ein Grund, einen Bewerber gar nicht zum Gespräch einzuladen. Denn hier konzentrieren sich viele der ungelösten Probleme des Landes: Die Kriminalitäts- und Arbeitslosenquote liegt weit über dem Landesdurchschnitt, besonders unter den Jungen. Ein hoher Anteil der Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze und hat Migrationshintergrund; soziale Durchmischung findet kaum statt.

Die Ursachen liegen Jahrzehnte zurück: Als Frankreich in den 60er Jahren massiv Arbeitskräfte aus dem Ausland anwarb, entstanden hier riesige Wohnsiedlungen, die mit der Deindustrialisierung herunterkamen und sich zu Ghettos entwickelten, im schlimmsten Fall gar zu rechtsfreien Räumen. Und Paris, die glamouröse Hauptstadt, schien viel weiter entfernt als die paar Kilometer, die es von ihren sozialen Brennpunkten trennt. Banlieue, der eigentlich neutrale Begriff für Vorstadt, ist nicht nur in der deutschen Sprache negativ belegt.

"Kreativer als Paris"


Seitdem gelten diese Inseln der Ausgegrenzten als Pulverfässer. Zweimal sind sie in den letzten Jahren explodiert: Der Tod zweier Jugendlicher auf der Flucht vor der Polizei löste im November vor sechs Jahren gewalttätige Unruhen im ganzen Land aus, bei denen sich vor allem junge Aufständische brutale Straßenschlachten mit der Polizei lieferten. Präsident Jacques Chirac rief den Notstand aus, Innenminister Nicolas Sarkozy drohte, die brennenden Vorstädte mit dem Hochdruckreiniger vom "Gesindel" zu säubern. Im Herbst 2007 kam es erneut zu Banlieue-Krawallen, die die Machtlosigkeit oder auch den Unwillen der Politik zeigten, das Problem in den Griff zu bekommen. Sarkozy, der in seiner Präsidentschaftskampagne 2007 einen Schwerpunkt auf das Thema Sicherheit gesetzt hatte, vernachlässigte seinen "Plan Hoffnung Banlieue" bald wieder. Trotz verstärkter Polizeipräsenz und zahlreicher Initiativen - von Bewerbungshilfe bis zu kulturellen Projekten - hat sich wenig gebessert.