Moskau/Kiew/Wien. (wak) 70 Milliarden Dollar Kapitalvermögen sind allein in diesem Jahr aus Russland abgeflossen. Damit war die Kapitalflucht 2011 deutlich höher als in den Jahren zuvor, obwohl auch ein Teil des Geldes dazu verwendet wurde, Auslandsschulden der russischen Banken zu begleichen, erklärt Dietmar Fellner, Wirtschaftsdelegierter in Moskau. Doch mehrheitlich fließe das Geld auf Konten in die Schweiz, in London, aber auch in Wien, sagt Fellner. Und obwohl der Kreml in anderen Gebieten wirtschaftspolitische Regeln vorgegeben hatte, zögert man, den Kapitalfluss zu behindern. Das würde nach Meinung des Kreml das eigentliche Grundproblem, nämlich das fehlende Vertrauen, nur verstärken. Man wolle schließlich ein internationaler Finanzplatz werden.

Auch die Rechtssicherheit bleibe weiterhin ein Problem, meint Fellner. Speziell Klein- und Mittelbetriebe mit Investitionen im Bereich von 10 bis 20 Millionen Euro seien von korrupten Beamten gefährdet. Entweder man lasse sich Dinge "abpressen", oder irgendwelche Spezialbeamte tauchen auf und sehen nach, ob der Betrieb "nicht irgendwann vergessen habe, eine Steuer zu zahlen."

Der bevorstehende Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO werde für manche russische Betriebe ein böses Erwachen bringen, denn dadurch würde das Land dem Wettbewerb stärker ausgesetzt werden als zuvor, ohne im Bedarfsfall Zölle oder dergleichen zum Schutz der eigenen Industrie hochzufahren.

Dennoch gilt Russland als ein attraktives Land und ist bereits der zehntwichtigste Handelspartner Österreichs. Der größte österreichische Investor ist die Raiffeisen-Gruppe, gefolgt vom Verpackungskonzern Mondi.

Die russische Wirtschaftsleistung werde heuer das zweite Jahr in Folge um rund vier Prozent wachsen. Das Außenhandelsvolumen zwischen Russland und Österreich werde laut Fellner mit rund 6 Milliarden Euro einen neuen Rekord erreichen. In Russland seien vor allem österreichische Maschinen nachgefragt, Russland liefert hingegen Erdgas nach Österreich, wobei aufgrund der steigenden Gaspreise Österreich ein Handelsdefizit drohe.

Oligarchen in der Ukraine

Einer der größten Unterschiede zwischen Russland und der Ukraine sei die Tatsache, dass der politische Einfluss der Oligarchen in Moskau inzwischen gegen null tendiert. "Jeder Russe weiß, wenn er sich einmischt, sitzt er entweder ganz schnell im Gefängnis oder im Ausland", spielt Fellner auf die prominenten Oligarchen Michail Chodorkowski und Roman Abramowitsch an.

Ganz im Gegensatz zur Ukraine. "Dort sind die Oligarchen noch immer die größten Geldgeber, die den Wahlkampf finanzieren oder sich als Parlamentarier ihre Gesetze selber machen. Die meisten Parlamentarier sind zugleich Geschäftsleute", meint Gregor Postl, Wirtschaftsdelegierter in Kiew. Doch selbst die ukrainischen Oligarchen sind geteilter Meinung, ob sie das Land politisch und wirtschaftlich näher an der EU sehen wollen oder in eine Zollunion mit dem anderen Nachbarn, Russland, eintreten wollen. Mit einer Zollunion wäre der Druck für Reformen weg, glaubt Postl. Eine Annäherung an die EU würde hingegen Modernisierung bedeuten, schon allein aufgrund der vielen Auflagen. Und damit womöglich leichtere Bedingungen für künftige Investoren. "Sie können sich in der Ukraine noch bewegen, ohne der Konkurrenz auf die Zehen zu steigen", so Postl. Auch wenn das Land kein leichtes Pflaster für Investoren sei, produzieren erfahrene österreichische Firmen wie Pfanner, Agrana, Fronius, Fischer und Blizzard seit Jahren im Land, bei "sehr attraktiven Lohn-Stückkosten."