Moskau. Für die russischen Soldaten wird es am Wahltag das große Erwachen geben. Das Verteidigungsministerium wies Offiziere in den Kasernen an, sie am Sonntag mit "angenehmer Musik" und einem "Festfrühstück" zu wecken. Russlands Führung kämpft bis zuletzt um jede Stimme - mit allen Mitteln. Umfragen sagen der Kreml-Partei Einiges Russland (ER) massive Stimmenverluste voraus, ihre Wahlkampagne fiel entsprechend aggressiv aus. Bürger berichteten, wie sie von den Behörden unter Druck gesetzt wurden, in der Wahlurne die "richtige Partei" anzukreuzen. Auf der Internetsite von Golos, der regierungsunabhängigen Wahlbeobachtungs-Organisation, gingen mehr als 5000 Beschwerden ein. Ermittlungen laufen - allerdings nicht gegen die, die gegen die Wahlgesetze verstießen, sondern gegen die NGO. Eingebracht haben die Klage drei Abgeordnete der kremlfreundlichen "Opposition". Sie werfen Golos, die EU-Gelder erhält, eine illegale Kampagne gegen die Regierungspartei vor. "Golos soll beseitigt werden", ist der Direktor Grigori Melkonianz überzeugt. "Fremde Mächte" würden Oppositionelle dafür bezahlen, damit diese den Wahlkampf "manipulieren", hatte Putin schon vor einer Woche im Moskauer Luschniki-Sportpalast erklärt, wo ihn die Delegierten einstimmig zum Kandidaten für die in drei Monaten stattfindende Präsidentenwahl kürten. Putin, der bereits von 2000 bis 2008 Kremlchef war, will sich im Mai wieder an die Staatsspitze setzen.

Insgesamt treten sieben Parteien zur Parlamentswahl an. 110 Millionen Russen sind im größten Land der Erde mit den neun Zeitzonen zur Stimmabgabe aufgerufen. Einiges Russland ist der Sieg sicher, auch wenn sie die Zweidrittelmehrheit trotz der im großen Stil erwarteten Stimmenmanipulationen verfehlen dürfte. Den Einzug in die Duma schaffen vermutlich nur die schon bisher vertretenen Parteien: Neben ER sind dies die Kommunisten, die vom Kreml ins Leben gerufenen ultra-nationalistischen Liberaldemokraten des Politclowns Wladimir Schirinowski und die sozialdemokratische Partei Gerechtes Russland. Letztere war ebenfalls von Noch-Ministerpräsident Wladimir Putin installiert worden; ihr Auftrag war es, den Kommunisten Stimmen abspenstig zu machen. In den vergangenen Monaten war der mittlerweile als Parteichef zurückgetretene Polithaudegen Sergej Mironow allerdings zunehmend auf Distanz zum Kreml gegangen. Nicht nur das: Mironow hatte Putin und dessen Machtclique sogar öffentlich kritisiert. Russlandexperten bezweifeln deshalb, dass Gerechtes Russland überhaupt in die neue Staatsduma einziehen darf. Dass sie die Sieben-Prozent-Hürde regulär schaffen könnte, trauen ihr die meisten durchaus zu.

Anders als der links-demokratischen Partei Jabloko, der einzigen vom Kreml zugelassenen Partei, auf die der Begriff auch oppositionell zutrifft. Den anderen "echten" Oppositionsparteien wurde die Teilnahme am Urnengang verwehrt. Der von Ex-Premier Michail Kasjanow und Ex-Vizepremier Boris Nemzow im Vorjahr gegründete Partei der Volksfreiheit (Parnas) war im Juni vom Justizministerium die Registrierung unter fadenscheinigen Begründungen untersagt worden.

Aus Protest gegen die Wahlfarce samt Stimmenmanipulationen riefen Parnas und andere aus dem politischen Wettkampf verbannte Parteien unzufriedene Wähler auf, den Wahlzettel aus Protest öffentlich zu zerreißen. Der bekannte Internet-Blogger und Jurist Alexej Navalny, bekannt wegen seiner Aufdeckung von Korruptionsskandalen in der Machtclique um Putin, ging einen anderen Weg. Er forderte das Wahlvolk auf, für irgendeine Partei außer Einiges Russland zu stimmen, um der Machtpartei ihren bei der Wahlkommission und bei den Gouverneuren der 83 Regionen bestellten Sieg zu erschweren.

Früher hatte es auf den Wahlzetteln die Option, "für keine Partei" zu stimmen, gegeben. Putin ließ diese Option per Gesetz streichen. Auch sonst wurden in den vergangenen Jahren die Wahlgesetze sukzessive verschärft. Dazu gehört, dass die Hürde für den Einzug der Parteien ins Parlament von fünf auf sieben Prozent verschärft wurde. Erstmals wählen die Russen heuer die Abgeordneten auch nicht mehr für vier, sondern für fünf Jahre.

Noch-Präsident Dmitri Medwedew warb in einer landesweit im Staatsfernsehen ausgestrahlten Rede vor dem Urnengang noch einmal um das Vertrauen. "Wählen Sie diejenigen (...), die Erfahrung haben bei der Bewältigung von Krisen, die fähig sind, unsere Heimat zu schützen", sagte der Präsident am Freitag. Der 46-Jährige ist selbst Spitzenkandidat der Regierungspartei Einiges Russland. Die Abstimmung über die 450 Sitze in der Staatsduma entscheide über Russlands Zukunft, sagte Medwedew.