Paris/Wien. (apa/aum) Was Barack Obama kann, das kann ich auch, dachte sich wohl der französische Präsidentschaftskandidat François Hollande bei der Vorstellung seines Wahlprogramms. Nachdem der US-Präsident am Dienstag ankündigte, Millionäre zur Kasse bitten zu wollen, kündigte Hollande am Donnerstag an, mit Steuern und dem Schließen von Steuerschlupflöchern den Reichen in die Taschen zu greifen, sollte er Präsident werden.

Der Sozialist will Einkommen ab 150.000 Euro künftig mit 45 Prozent besteuern, statt bisher mit 41 Prozent. Auch die über diesen Einkommen liegenden Einnahmen aus Aktienhandel und anderen Investitionen sollen höher besteuert werden. Steuervergünstigungen für Reiche in Höhe von 29 Milliarden Euro, die unter Präsident Nicolas Sarkozy eingeführt wurden, will er wieder streichen. Die Zahl 150.000 dürfte es Hollande besonders angetan haben; genau so viele staatlich finanzierte Stellen will er nämlich für Berufsanfänger schaffen.

Die Steuer auf die Gewinne von Banken soll um 15 Prozent erhöht werden, außerdem setzt sich Hollande für die Schaffung einer Finanztransaktionssteuer ein. Durch die Gründung einer öffentlichen Investitionsbank sollen zudem Klein- und Mittelbetriebe besser gefördert werden. In Frankreich gilt die Schwäche bei den Mittelständlern als ein Grund für das hohe Handelsbilanzdefizit.

Bei der Atompolitik spricht sich Hollande erneut für die Abschaltung des ältesten noch in Betrieb befindlichen französischen Atomkraftwerkes Fessenheim im Elsass aus. Der schrittweise Ausstieg aus der Atomenergie hatte im Herbst zu einem heftigen Streit zwischen dem Sozialisten und den Grünen geführt, die weitergehende Schritte verlangt hatten.

Hollande verschafft sich stärkeres Profil

Die klare Linkspositionierung wird Hollande helfen, zusätzlich an Profil zu gewinnen. Hollande versucht sich bereits seit langem vom Image des moderaten Vermittlers zwischen den Parteiflügeln zu distanzieren, das ihm nicht erst seit seiner Zeit als Parteivorsitzender von 1997 bis 2008 anhaftet. Stets galt der 58-Jährige als harmloser und gutmütiger Bürokrat. Nach seinen Studienjahren an der Kaderschmiede ENA war Hollande für den konventionellen Werdegang seiner Karriere bekannt.

Er baute seine Karriere im Fahrwasser des früheren Premierministers Lionel Jospin auf. Als dieser im Juni 1997 Premierminister wurde, erbte Hollande von ihm die PS-Leitung. Als Jospin bei der Präsidentenwahl 2002 überraschend im ersten Durchgang aus dem Rennen ausschied und darauf das aktive politische Leben verließ, wurde Hollande zum Gesicht der Sozialisten. Den entscheidenden Führungsanspruch erlangte er allerdings nie: Bei der Präsidentschaftswahl 2007 steckte er zugunsten seiner damaligen Lebensgefährtin Ségolène Royal zurück, die dann allerdings gegen Sarkozy das Nachsehen hatte.

Mit dem Herannahen der Präsidentschaftswahlen 2012 begann Hollande dann sein altes Ich abzuschütteln: Er machte eine Abmagerungskur, trennte sich von Royal und präsentierte sich als dynamischer Vertreter der Linken. Dort, wo es vorteilhaft schien, behielt er seine Ruhe und Bodenständigkeit bei und etablierte sich als seriöser Widersacher Sarkozys: Dem Jet-Set-Leben hielt er die Verankerung in der Provinz entgegen. Im Alltag Hollandes gibt es keine Top-Models, keine Yachten, keine Ray-Ban-Sonnenbrillen. Der Sozialist bewegt sich in Paris mit einem Moped fort, trägt nur seine strenge Sehbrille und ist inzwischen mit einer seriösen Journalistin liiert.

Der Erfolg gibt Holland recht. Der sozialistische Kandidat liegt seit Monaten in den Umfragen deutlich vor Sarkozy. Bei einem großen Auftritt vor 25.000 Zuhörern am Sonntag hatte Hollande seine Vorstellungen bereits in groben Zügen umrissen. Nach dem Auftritt vom vergangenen Wochenende konnte er noch einmal zulegen: Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CSA zufolge käme Hollande im ersten Wahlgang am 22. April auf 31 Prozent gegenüber 25 Prozent für Sarkozy. Sollte er am 6. Mai gegen Sarkozy in die Stichwahl kommen, wird dem Sozialistenchef ein Vorsprung von zehn Prozentpunkten vorhergesagt.