Moskau. An sich sind die Russen hartgesotten, was Kälte anbelangt: Selbst im klirrenden Frost, der derzeit vorherrscht, finden sich immer noch genug Wagemutige, die bei unter 20 Grad minus in Eislöchern baden. Und muskelbepackte Männer lieben es, die mit Pelz gefütterten Lederjacken betont lässig und offen zu tragen. Da mutet es schon seltsam an, wenn sich der oberste Amtsarzt des Landes, Gennadi Onischtschenko, vor der angekündigten Großdemonstration gegen Regierungschef Wladimir Putin am Samstag um die Gesundheit seiner Landsleute sorgt: Mit Temperaturen von minus 18 Grad seien die Vorhersagen "äußerst ungünstig", sagte der Chef der russischen Gesundheitsbehörden. Er rate den Menschen ab, zu einer Demonstration zu gehen.

Obwohl derartige Tipps wohl eher zur zusätzlichen Mobilisierung der Demonstranten beitragen, stellt sich tatsächlich die Frage, wie viele Menschen dem Demonstrationsaufruf Folge leisten werden. Denn die Organisatoren der Proteste haben sich die Latte hoch gelegt, wollen wieder, wie im Dezember, an die 100.000 Menschen auf die Straße bringen - diesmal in einem Demonstrationszug durchs Zentrum von Moskau. Die Route wurde überraschend genehmigt - man hatte eher erwartet, dass den Regierungskritikern ein Platz an der Peripherie der Hauptstadt zugewiesen würde. "Von dem, was am 4. Februar passiert, hängt viel ab", sagte der russische Politologe Andrej Rjabow jüngst bei einem Vortrag in Wien. Falle die Demonstration nämlich mächtig genug aus, könne es passieren, dass Präsidentschaftskandidat Putin die Unterstützer wegbrechen: Die Oppositionsparteien in der Duma, an sich mit der Obrigkeit gut vernetzt, würden wohl beginnen, ihr eigenes Süppchen zu kochen, und auch potenzielle Rivalen in der staatlichen Bürokratie könnten sich aus der Deckung wagen.

Strategiewechsel Putins

"Für Putin waren die Proteste ein Schock", sagte Rjabow. Als Reaktion darauf habe der Premier seine Taktik geändert: Er trete nicht mehr wie zuvor als "Führer aller Russen" auf, sondern wende sich mit seinen Botschaften vor allem an die strukturkonservative Bürokratie, der er Patriotismus und ein starkes Russland verspricht, und an jene Wähler, die Angst vor Veränderungen hätten.

Damit zementiert Putin bei den Demonstranten allerdings sein Negativ-Image als Bewahrer. Besonders bei jungen Leuten zwischen 20 und 30 fällt der Verweis auf die Verdienste des Petersburgers um die Stabilisierung Russlands nach den Chaos-Jahren unter Boris Jelzin kaum mehr auf fruchtbaren Boden. "Was damals war, war damals, jetzt brauchen wir jemanden, der die Korruption eindämmt", heißt es etwa in Internetforen. Das Wort "Stabilität" klingt in den Ohren dieser jungen Intelligenzija nicht verheißungsvoll, sondern bedrohlich. Und die Demonstranten, so viel ist mittlerweile klar, bilden genau jene Schicht, auf die Russland so dringend angewiesen ist, wenn es sich modernisieren will: Laut Umfragen rekrutierten sich die Teilnehmer der Protestaktionen im Dezember zu mehr als 70 Prozent aus Akademikern.

Dass der Protest ein Protest der Bessergestellten ist, löst bei manchen allerdings unschöne Erinnerungen an die räuberisch abgelaufenen Privatisierungswellen der 1990er Jahre aus: Unter dem Motto "keine zweite Perestroika" wird im Internet auch zu einer "Anti-orangen" Gegendemonstration aufgerufen, die ein Szenario wie jenes der Orangen Revolution in Kiew 2004 verhindern soll. Neben Parolen für nationale Einheit war auf dem Aufruf aber auch zu lesen: "Gegen den Kreml!"