Berlin. (gf/apa) "Mir pochert es hier drinnen", sagte Joachim Gauck und wies auf sein Herz, als er am Montag an seinem Amtssitz, dem Schloss Bellevue in Berlin, eintraf. Empfangen wurde der neue deutsche Bundespräsident, der von seiner Lebensgefährtin Daniela Schaft begleitet wurde, von seinem Vorgänger Christian Wulff und vom bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der als Bundesratspräsident das Amt vier Wochen lang interimistisch geführt hatte.

Dabei lagen da schon aufregende Stunden hinter Gauck, nämlich seine Wahl zum Bundespräsidenten am Sonntag. Von den 1228 gültigen Stimmen bekam er 991 - das sind knapp 81 Prozent und damit deutlich weniger als erwartet. Mehr als 100 Delegierte aus dem Lager von Union, FDP, SPD und Grünen, das ihn aufgestellt hatte, versagten Gauck damit die Zustimmung. Seine Konkurrentin Beate Klarsfeld, von der Linkspartei nominiert, konnte davon allerdings nicht profitieren. Sie erhielt 126 Stimmen, nur um drei mehr als Die Linke Wahlmänner aufzuweisen hatte. Es gab 108 Enthaltungen.

Offenbar teilten viele Delegierte die Kritik, mit welcher der parteilose Kandidat vorab bedacht worden war. Negative Äußerungen zur "Occupy"-Bewegung und zum Sozialstaat sowie positive Bewertungen des Integrationskritikers Thilo Sarrazin waren ihm vorgehalten worden. In seiner Dankesrede ging Gauck auf diese Kritik nicht ein. Hier betonte er noch einmal seine Lieblingsthemen: Freiheit und "die Pflicht, aber auch das Glück der Verantwortung". Und er erklärte, er werde ganz sicher nicht alle Erwartungen erfüllen können, die an ihn gerichtet werden.

Dies betonte er in einem abendlichen Interviewreigen gleich noch einmal: "Ihr habt keinen Heilsbringer, keinen Heiligen oder keinen Engel" als Bundespräsidenten, sondern "einen Menschen aus der Mitte der Bevölkerung", sagte er dem Publikum des Nachrichtensenders n.tv. Trotz dieses Versuches, die überhohen Erwartungen zurückzuschrauben, versuchte Gauck in den Interviews dennoch, einigen Vorwürfen entgegenzutreten - vor allem jenen, die sich auf soziale Gerechtigkeit beziehen.

Klarstellungen zum Sozialstaat

Ungeachtet seiner Betonung des Freiheitsbegriffes sei er auch ein Befürworter des Sozialstaates. Der "rheinische Kapitalismus", also das westdeutsche Sozialstaatsmodell der Nachkriegszeit, werde von ihm keineswegs abgelehnt, sagte er der ARD, und dem ZDF gegenüber betonte er sogar, dass er dieses Modell ausgebaut sehen möchte.

Er relativierte auch seine Haltung zur kapitalismuskritischen "Occupy"-Bewegung. Seine Äußerung über "alberne" Proteste hätte sich nur auf ein bestimmtes Projekt bezogen, nämlich auf die geplante Besetzung der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main. "Ich kann die Haltung verstehen, aber ich hätte gern ein paar Inhalte", erläuterte Gauck.

Zur Frage, ob er seiner Gegenkandidatin Klarsfeld das bisher verweigerte Bundesverdienstkreuz verleihen werde, sagte Gauck eine Prüfung der Angelegenheit zu. Skeptisch äußerte sich der elfte Bundespräsident der Bundesrepublik über das angestrebte Verbotsverfahren gegen die rechtsextreme NPD, weil er nicht das Scheitern eines solchen Verfahrens erleben wolle. Außerdem sei er der Meinung, man könne sich auch ohne Verbot "gut gegen die Verächter unserer Demokratie verteidigen".

Zu viel wollte Gauck aber nicht vorwegnehmen - schließlich steht am Freitag noch seine erste politische Rede an, wenn er vor Bundestag und Bundesrat vereidigt wird.

Kritik an der Wahl Gaucks kam unterdessen aus dem Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem. Der frühere DDR-Dissident übersehe den präzedenzlosen Charakter des Holocaust und erhöhe die kommunistischen Verbrechen in ihrer tatsächlichen historischen Bedeutung, erklärte der Direktor des Zentrums, Efraim Zuroff, laut der Berliner "taz - die tageszeitung". Er kritisierte die von Gauck mitunterzeichnete "Prager Erklärung" aus dem Jahr 2008, die den Blick vom Massenmord an den Juden auf das Leid der Osteuropäer unter dem Kommunismus lenke und "Täternationen zu Opfervölkern" umwandle.